Mit dem zweiten Frühling näherte sich jetzt der Zeitpunkt von Buri’s Rückkunft und ihrer Vermählung mit ihm. Es war brieflich unter ihnen verabredet, daß sie sich in Nataliens jetzigem Wohnort wollten trauen lassen — der Sommer sollte denn zu einer gemeinschaftlichen Reise ins südliche Deutschland benutzt werden, und mit dem Herbst wollten sie sich in N**** häuslich niederlassen.

Natalie rechnete auf Glück. Daß sie daran sich wieder Glauben und Zuversicht erkämpft hatte, und sie in heitrer Freudigkeit festzuhalten wußte, war die Frucht eines Kampfes, über dessen Schwierigkeit und Werth nur derjenige entscheiden darf, der in das Innerste ihrer Seele geblickt hat.

Plötzlich blieben Buris Briefe mehrere Wochen aus. In der ganzen Zeit ihrer Trennung hatte er wöchentlich zweimal geschrieben, und so mußte dies Aussenbleiben aller Nachrichten von ihm, Natalien lebhaft beunruhigen. In der langen Sorge um ihn fühlte sie selbst zum erstenmale ganz, wie sie ihn liebte, und wie fest sie an ihn gebunden war. Sie schrieb und klagte ihm, mit der ganzen Fülle ihrer Herzlichkeit und Liebe, ihre Angst, ihre Sorge, ihren Kummer um ihn. Endlich kam ein Brief; er war krank gewesen, wie er schrieb; aber der Ton dieses Briefes war so leidenschaftlich, so glühend, daß Natalie von der Ahndung eines finstern Ereignisses ängstigend ergriffen ward.

Ein Ungewitter nöthigte Buri auf einer seiner Fußwanderungen, in einem Meierhofe Schutz zu suchen, dessen angenehme Lage und einfach zierliche Bauart, den Blick jedes Reisenden auf sich ziehen mußte, der diese Straße wandert. Böttcher, der Besitzer desselben, nahm den durchnäßten Wandrer mit der freundlichsten Gastfreiheit auf. — Er war ein gebildeter Mann, der, nach einem unruhvollen Leben, hier den Abend seiner Tage, in ländlicher Abgeschiedenheit, mit seiner einzigen Tochter, verlebte. Karoline war ein reizendes funfzehnjähriges Mädchen, voll Naivetät und Anmuth. Ohne allen Umgang, in der Umgebung einer romantischen Natur groß geworden, und durch Romanenlectüre gebildet, war sie für den Eindruck sehr empfänglich, den Buris Erscheinung auf sie machen mußte. Sie beeiferte sich, den Fremdling so gut als möglich aufzunehmen, und freuete sich des Regenwetters, das ihn nöthigte, mehrere Tage zu verweilen. Als er am vierten Morgen hinunter kam, Abschied zu nehmen, fand er den Vater krank und Karolinen in Thränen. Beide baten ihn, sie jetzt noch nicht zu verlassen, und er versprach gern, die Genesung seines Wirthes abzuwarten. Die Sorgfalt und Ausdauer, die er jetzt bei der Pflege des Vaters zeigte, gewann ihm bald ganz das Herz der dankbaren Tochter. Sie hielt ihn für frei und ungebunden, sie wußte von ihrem Vater, daß es ihr vergönnt sey, unbedingt selbst zu wählen, und so gab sie sich, ungewarnt und unbesorgt, der ganzen Gewalt dieser Liebe über sie, hin — Konnte Buri nicht fliehen? — wollte er es nicht? wußte er selbst nicht um die Größe und Nähe der Gefahr? — genug, er blieb; blieb auch nach der Genesung des Vaters, bis eine schwache, eine sehr schwache Stunde, Karolinen Rechte auf ihn gab, denen, vor dem Richterstuhl der Ehre und der Menschlichkeit, Nataliens Rechte sich nicht vergleichen konnten. — Sein Erwachen aus dem Rausch war schrecklich! — alle Furien der Selbstverachtung und des Meineids erwachten in seiner Brust. Karoline erfuhr, er sey verlobt; sey seit Jahren das Eigenthum einer andern, der er Glück, Ruhe, Gesundheit koste, die ihm alles geopfert, alles für ihn gelitten und getragen, ohne daß er ihr bis jetzt je ein Opfer mit einem Opfer zu vergelten gehabt habe — und gebot ihm, sie zu fliehen, und sein früheres Gelübde zu ehren. Er gehorchte, und verließ das Haus, dessen Gastfreiheit er durch so schändlichen Verrath gelohnt hatte. —

In der letzten Zeit seines Aufenthaltes bei Böttcher hatte er es unterlassen, an Natalien zu schreiben; aber als er jetzt, von Karolinen entfernt, nach und nach aus seinem Rausch erwachte, trat ihr Bild wieder in seine alten Rechte, und das Gefühl des begangnen Unrechtes gab seiner Empfindung für sie, alle Glut, alle Unruhe, alles Stürmische wieder, das die erste Zeit seiner Leidenschaft bezeichnete. — Ach! Natalie ahndete bei Lesung jenes Briefes nicht, aus welcher giftigen Quelle der süße Zaubertrank floß, dessen magische, unheilbringende Gewalt über sie noch nicht vernichtet war, wenn sie gleich den Unterschied zwischen dieser gluthvollen Flamme und dem heiligen reinen Lichte wahrer Liebe, im eignen Herzen hatte erkennen und würdigen lernen. —

Die tiefe Schwermuth, in die Karoline nach Buris Abreise versank, konnte von ihrem Vater eben so wenig unbemerkt bleiben, als ihm die Verstörung entgangen war, in welcher Buri von ihnen schied. Da er Freund und Vertrauter seiner Tochter, seit ihrer frühsten Jugend gewesen, so vermochte sie auch hier seinen Bitten nicht zu widerstehen: er erfuhr alles, und auch, was den Jammer des armen Mädchens zur Verzweifelung machte, daß sie Mutter werden sollte. —

Er reisete Buri nach, und traf ihn auf dem Wege zu Natalien in A... — Der Zorn des schwer beleidigten Vaters verschwand vor dem Schmerz, und vor der Reue des Jünglings, der ihm sein ganzes Verhältniß mit Natalien, und die Geschichte desselben, offen darlegte. Böttcher ergriff den einzigen hier möglichen Ausweg; er wandte sich voll edlen Vertrauens an Natalien selbst, schilderte ihr in einem Briefe den ganzen Vorgang und forderte sie auf, zu entscheiden. „Ich würde, schloß er seinen Brief, das Schicksal meiner Tochter als ein Unglück tragen, und nie darauf ein Recht begründen, welches zwischen Sie, Verehrungswürdige, und den Mann treten dürfte, der Ihnen so viel, ja alles, zu verdanken hat — aber, was ich nie für meine Tochter allein thun würde, muß ich für das Kind thun, das sonst, ernst und strafend, einst von seiner Mutter den Vater fordern möchte. Entscheiden sie daher unbedingt über das Schicksal der Mutter und des Kindes. Keine Pflicht, kein Gesetz, verbindet sie zur Entsagung — meine Hoffnung beruht nur auf Ihrer Güte, Ihrer Großmuth.“

Natalie antwortete ihm mit rückgehender Post achtungsvoll und theilnehmend, und legte ihm einige Zeilen für Buri ein, in denen sie ihn für frei, sich für ewig von ihm geschieden, erklärte. Sie schrieb ihm dies ohne Klage, ohne Vorwurf; machte es ihm aber als den letzten Beweis seiner Achtung zur Pflicht, ihr durchaus nicht zu antworten.

Buri ward Karolinens Gatte. Er vergaß Natalien sehr bald, und lebt noch auf dem Meierhofe seines Schwiegervaters, ein alltägliches, still bürgerliches Leben, ohne höheren Gehalt, aber doch nicht ohne innern Werth. Karolinens erstes Kind starb, und ihre Ehe blieb kinderlos.

Wie Natalie diese Trennung ertrug, wie sie litt, und wie unnennbar schmerzlich und vielseitig ihr ganzes Herz dadurch verletzt wurde, hat nie ein Mensch erfahren, nie ein Wort von ihr ausgesprochen. Doch sicherte sie der Sinn für das Heilige, der ihr in ihrer Liebe für Voluda aufgegangen war, dafür, sich irgend einem Schmerze, irgend einem irdischen Leiden, mehr widerstandlos hinzugeben. Geübt im Kampf mit sich selbst, bewährte sich ihr auch jetzt die Kraft des Willens. Sie trat ihrem Schmerze kühn entgegen, und rang mit ihm. Ernstes Nachdenken und fromme Einkehr in sich selbst gaben ihr Flügel, die sie über ihn weghoben, und das Kleinod, das sie in diesem Kampf erbeutete, wurde ihr zum herrlichen Lohn: es hieß Freiheit ihrer Gefühle für Voluda!