Ein schöner Abend des Spätherbstes dieses Jahres lockte sie ins Freie. Von einem Berge, der den zu ihrer Wohnung gehörenden Garten begränzte, übersah sie eine weite, reizende Landschaft. Am Fuß desselben lief die Landstraße, neben einem ziemlich tiefen Abgrund hin. Ein zierlicher Reisewagen — hier eine seltne Erscheinung, — zog Nataliens Blicke auf sich. Zu ihrem Schrecken sah sie aber die Pferde, nahe bei der gefährlichen Stelle, scheu werden — der Wagen schlug um, Natalie unterschied das Angstgeschrei einer weiblichen Stimme, und flog blitzesschnell den Berg hinunter, den Reisenden zur Hülfe. Zum Glück standen die Pferde, und während der Postillion sich beschäftigte, die Stränge zu lösen, bemühete sich Natalie, die Thüre des Wagens zu öffnen. Der Versuch gelang; ein Mann, von hoher vornehmer Gestalt sprang heraus, und hob eine junge, in Ohnmacht gesunkene Dame, empor. Natalie vereinte ihre Bemühung mit der seinigen — sie trugen sie wenige Schritte davon nach einer grünen Rasenstelle, und hatten die Freude sie nach einigen Minuten die Augen aufschlagen zu sehen. Mit dem Ausdruck banger Zärtlichkeit suchte der erste Blick der schönen Fremden ihren Gefährten, der neben ihr knieend, sie in seinen Armen hielt, während Natalie ihr die Schläfen mit dem eau de Cologne aus ihrem Flacon rieb — dann sah sie zu dieser mit einem so rührenden, so dankbaren Blick auf, daß er den Antheil, den Natalie gleich für sie empfunden hatte, verdoppelte. Aus einigen Worten des jungen Mannes und aus seiner Unfähigkeit, sich mit dem Postillion verständigen zu können, errieth sie das Vaterland der Reisenden, und redete sie jetzt in der Sprache desselben an, um der jungen Dame, mit jenem unverkennbaren Ausdruck des Wohlwollens, dem das Herz nie widersteht, ihr Haus anzubieten, sich darin von den Schrecken ihres Unfalls zu erholen. Die schöne Fremde schien angenehm überrascht, sich in diesem Winkel Deutschlands, wo die Fertigkeit, eine fremde Sprache zu reden, sehr selten angetroffen wird, in ihrer Muttersprache anreden zu hören, und nahm Nataliens Anerbieten dankbar an. Wie groß war aber ihrer aller Schrecken, als es sich jetzt, da die Fremde sich erheben wollte, zeigte, daß der eine Fuß gebrochen war: O Gott, rief sie, mit einem Ausdruck des Schreckens und des Entsetzens, der Nataliens Herz traf, — wir sind verloren! Laß uns sterben, mein Freund, Rettung ist jetzt unmöglich!

Nur Muth, sagte Natalie rasch, nur Vertrauen — ich hole Hülfe, und mein Haus, setzte sie gerührt hinzu, da sie zu errathen anfing, wen sie vor sich hatte, sichert Ihnen Verborgenheit und Ruhe.

Die Geschichte dieser beiden interessanten Flüchtlinge greift zu tief in eine der geheimnißvollsten Begebenheiten unsrer Zeit ein, um jetzt schon enthüllt werden zu können. Aus einem der edelsten Geschlechter Europens entsprossen, Erbe unermeßlicher Reichthümer, mit allen Verfeinerungen des Luxus, allen Raffinerien des Wohllebens seit frühster Kindheit so vertraut, daß sie ihm zum Bedürfniß, zur einfachen Nothwendigkeit geworden waren, irrte Theophil jetzt heimathlos und geächtet mit seiner Gattin umher. Auf seine Habhaftwerdung war im Geheimen ein großer Preis gesetzt, und der Verrath schlich ihm hier, wo er vor offenbarer Gewalt vielleicht geschützt war, doch heimlich auf jedem Schritte nach. Ein fernes Land bot ihm einen Zufluchtsort — aber jeder Weg dorthin war versperrt, und, bei seiner gänzlichen Unkenntniß deutscher Sprache und deutscher Verfassungen, mit fast unübersteiglichen Schwierigkeiten verbunden. Victorine, die schöne, seit frühster Jugend von allen, die sie umgaben, vergötterte Victorine, seine Gattin, sollte jetzt in wenig Wochen Mutter werden. Ohne Obdach, ohne Geld, in einer rauhen Jahrszeit, in einem fremden, unwirthlichen Lande, erlag ihre Seele schon dem Gewicht ihrer trostlosen Verzweifelung, als die Vorsehung ihr Natalien zuführte.

Wenig Stunden reichten hin, um dieser das volle Vertrauen ihrer Gäste zu erwerben, und als Ersatz für manchen herben Kummer, ward ihr das Glück, dies Vertrauen rechtfertigen zu können.

Es gelang ihr, Wege und Mittel ausfindig zu machen, die Theophil sicher nach dem Orte seiner Bestimmung führten. Victorine blieb bei ihr. Im November ward sie Mutter eines lieblichen Knaben, und Natalie sah, unter ihrer Pflege, Mutter und Kind schön und freudig dem Frühling entgegen blühen, der beide mit dem Gatten und Vater vereinigen sollte. Sie begleitete Victorinen auf der Reise durch die unwirthbaren Gegenden, durch die sie ihr Weg führte, und verließ sie erst an der Gränze, wo Theophil sie erwartete.

Auch die Dankbarkeit kann in schönen Seelen zu einer Leidenschaft werden, die an Energie keiner andern weicht. Der Abschied, den Victorine und Theophil von Natalien nahmen, war erschütternd und feierlich. Die erstere legte ihren Sohn in Nataliens Arme, wie man Heiligen die Kinder zur Auflegung der Hände darreicht, damit sie ihn segne. Sie konnte sich nicht von ihr trennen — immer kehrte sie zurück, sie noch einmal an ihr Herz zu drücken — endlich mußte sie scheiden; aber Nataliens Andenken blieb in ihrem Herzen, und täglich erbat sie sich vom Himmel die Gelegenheit, ihr einst vergelten zu können, was sie für sie gethan. —

Natalie gieng auf einige Wochen zu ihrer Schwester, und dann nach N****. Die Erinnerungen, die dieser Aufenthalt in ihr wecken konnte, brauchte sie nicht mehr zu scheuen, den Tadel der Welt nicht mehr zu fürchten. Ihre Seele war reif geworden in den Schmerzen und Erschütterungen dieser letzten Jahre. Wie ein schwindendes Traumbild, versank das Nachtstück ihres Lebens in den Strom der Vergangenheit; das innere geheimnißvolle Leben der Liebe entfaltete sich in ihr tiefer und reicher, und alle Erscheinungen des äußeren verklärten sich ihr zu heiligen Sinnbildern; mit langen Zügen trank sie aus dem Quell der frommen reinen Begeisterung, die sie von den irdischen Dingen schied, und sie sich als eine Geweihte des Todes fühlen lehrte.

Abgezogen von der Außenwelt, fand sie in sich, was sie zur Glückseligkeit und zum harmonischen Verständniß mit sich und der Welt bedurfte, und das Gefühl, daß ihr diese Klarheit des Gemüths, dieser himmlische Friede der Seele, dies Schweigen des Verstandes, einzig aus der Liebe für Voluda aufgegangen waren, lehrte sie diese immer richtiger, als das Schönste und Göttlichste ihres Daseyns, würdigen. Ihr ganzes Leben war ein stiller Gottesdienst dieser Liebe, die immer mehr Eins werdend mit der Liebe des Ewigen, und in ihr sich, wie der Strom im Weltmeer verlierend, ihr Herz, langsam, sanft und freundlich, von der Erde lösete, und die Sehnsucht ihres Busens nach dem Tode, zur ächten Tochter der Liebe und der Unsterblichkeit veredelte.

Aber wie eine Lichterscheinung aus jener Welt, trat zu der Einsamen noch hienieden der schönste Engel des Trostes und der Verheißung, der Engel der Freundschaft, und Natalie wußte nicht, ob der Glanz, in dem sich, von ihm erhellt, ihr Leben verklärte, das Abendroth dieser, oder das Morgenroth jener Welt war.

Während ihrer Abwesenheit hatte sich in der Nähe von N****, eine Familie angesiedelt, in deren ältesten Tochter, Charlotte, Natalie bald eine Seele ausfand, wie sie reiner, treuer, frommer, ungefärbter und zarter, nie in einem Weibe gewohnt hat. Demüthig und einfach, wahr und kindlich, froh und still, war der Sinn des Mädchens — ihr Geist hell und klar und in dem sanften, kindlichen Gemüthe ruhte eine Kraft, die dem Leben gewachsen war. Alle Liebe, die Natalie seit frühster Jugend, so unverstanden und unerwiedert, hingegeben hatte, ward ihr hier, als köstliche Himmelsgabe, zurückgegeben und in ihrer ganzen Heiligkeit von ihr genossen und empfunden. —