Der fromme Friede, dessen Natalie jetzt genoß, und das seelige Glück dieser Freundschaft, wurden dem zarten und ermatteten Körper zur Stärkung. Da sie, ohne eigentliche Krankheit, nur an dem geistigen, langsam nachwirkenden Schmerze früherer Jahre verging, so schlichen Wochen und Monate langsam vorüber, ohne daß irgend eine sichtbarer werdende Desorganisation ihres Körpers einen schnellen Tod herbeizuführen versprach. Im Gegentheil schien sie, unter Lottens Pflege, und im Sonnenschein ihrer Liebe, neu aufzublühen; es giebt aber Zeitpunkte im Leben, wo nicht die Krankheit, sondern die Seele selbst, ihre Hülle zerstört, weil sich, zu mächtig für diese, in ihr die Flügel eines feineren Daseyns entfalten. Nataliens Gefühl, sie sey dem Tode geweiht, täuschte sie nicht. In einzelnen hellern Momenten fühlte sie aber auch eine unsichtbare Gewalt, die sie an das Leben, wie an ein noch nicht vollendetes Tagewerk, fesselte: —

Sie ehrte diese Ahndung als Wink eines heiligen Schicksals, und harrte in stiller Ruhe ihrer Deutung. Monate verrannen indessen, und wurden zu Jahren, ohne daß irgend eine Pflicht, irgend eine Sorge, sie wieder zu einer nähern Befreundung mit den Angelegenheiten der Erde genöthigt hätte. — In sanfter Stille, ohne Ansprüche an das Leben, geliebt von Allem was sie umgab, ohne Furcht, doch nicht ohne Hoffnung, floß ihr Leben ungetrübt dahin, und die Morgenluft, die sie umwehete, wurde immer reiner und erquicklicher.

Oft sehnte sie sich, der Liebe heilige Welt, die sie in sich aufgenommen hatte, dem Manne ihres Herzens darzustellen, ehe sie scheide, damit er wisse, wie sie ihn geliebt habe vom ersten Blick an, wie sie ihn noch liebe, und welchen Seegen diese Liebe in ihr Daseyn gelegt habe. Aber sie wußte, daß er verlobt, und jetzt vielleicht schon der Gatte des von ihm gewählten Mädchens sey, und daß er nie nach ihr gefragt, nie irgend eine Erkundigung nach ihrem Schicksal eingezogen, schien ihr ein Beweis, daß er das Andenken an sie ganz verbannt habe, und es nicht zu erneuern wünsche. Sie brachte also seinem muthmaßlichen Wunsche ihre letzte Freude zum Opfer dar. —

Dies Schweigen wurde Natalien dadurch sehr erleichtert, daß sie durch seine, von Zeit zu Zeit, erscheinenden neuen Werke, mit ihm innig im Geiste fortzuleben vermochte, und in jedem Buche den Schlüssel zu ihm, wie in seiner Individualität den Schlüssel zum Buche fand. Sie gewann auf diesem Wege eine so richtige Ansicht seines Karakters und seiner Eigenthümlichkeit, seiner Grundsätze und Meinungen, wie sie ihr der Jahrelange persönliche Umgang mit ihm nicht anschaulicher zu geben vermocht hätte.

Wer kennt nicht die ungeheuren Begebenheiten der letzten Jahre? — sie erneuerten in Voluda’s Gemüth einen Kampf, den er früher schon einmal siegreich bestanden hatte. Aus seinem Ernst wurde Strenge; aus seiner Festigkeit, Schärfe — es ward fühlbar, daß jene Bildung des Mannes, die ihm allein das Zusammenleben mit einem liebenden und geliebten Weibe zu geben vermag, bei ihm unvollendet blieb, und daß er, der Starke, auf diese Wunde doch vielleicht ein eisernes Pflaster gelegt hatte. — So ward sein großer, freier, und in seiner strengen Gerechtigkeit doch noch so edel, milder Sinn, mit dem er früher die Zeit und die Menschen richtete, zum Grimm — freilich nur zum Grimm, wie er in einem so edlen, zum Haß wie zur Liebe gleich energischen, Gemüthe wohnen kann — aber doch immer zum Grimm.

Der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, die ehemals als freie Gabe in ihm wohnten, hielt er jetzt im Kampfe nur mit gewaltiger Kraft fest. — Und wo die fromme, heilige Entzückung schönerer, freudenvollerer Zeit noch wieder aus der heiligen Tiefe dieser großen Seele aufstieg, und sich wie ein himmlischer Duft über die Natur und das Leben zog — da erschien sie wie der helle Blitz einer süßen, vorübereilenden, Verzückung! —

Da kam eine Sorge um ihn in Nataliens Herz — eine Sorge, zu zart für Worte — aber diese Sorge war die höchste, die innigste, treueste Liebe, die je das Herz eines Weibes gefühlt hat. — Hätte er sich geliebt gewußt, wie sie ihn liebte, so wäre die Gewißheit solcher Liebe die Vermittlerin zwischen ihm und einer in Unfrieden versunkenen Welt geworden. —

Es kam aber ein Zeitpunkt, wo die von ihm früher mit heisser Liebe umfaßten, später mit unvergänglichem Schmerz verlornen, Hoffnungen für sein Vaterland noch einmal einen neuen Strahl in seine Römerseele sandten. Er griff zum Schwerdt, und schloß sich an den kühnen Führer, dessen abentheuerliches Unternehmen durch den Willen geedelt wird, wenn gleich der Erfolg es verdammt. — Ein Tag entschied das Schicksal von tausend Heldenherzen — der tapfre Führer fiel; und Voluda, der verzweifelnd an seiner Seite gefochten hatte, sank schwer verwundet vom Pferde, und ward gefangen.

Mit Sturmwinds Eile flog die düstre Kunde dieser Catastrophe durch das Land, und kam auch bald zu Natalien. Ein dunkles Gerücht sagte Voluda gefangen, wenn andre ihn den wackern Tod im Schlachtgewühl finden ließen. Ihr Entschluß, ihn wenn er noch lebte, zu retten, oder mit ihm zu sterben, war schnell gefaßt, und klar stand es nun vor ihrer Seele, was sie bis jetzt, in so wunderbarer Dunkelheit, an das Leben, als an eine noch nicht gelösete Aufgabe, gebunden hatte. Sie raffte zusammen, was sie an Geld und Geldeswerth aufbringen konnte, und eilte in die Gegenden, wo die feindlichen Armeen standen.

Ein guter Engel war mit Natalien, und führte sie durch mannichfache Gefahren, unangefochten dem Ziel ihrer Reise zu.