Sie fand Voluda nicht mehr; aber sie erfuhr mit Gewißheit, daß er noch lebe, und mit mehreren seiner Gefährten nach der Festung S. abgeführt sey, wo man nur seine Genesung erwarte, um das schon gefällte Todesurtheil zu vollziehen.
Der Tag dazu war sogar schon festgesetzt, und nahe. Natalie eilte Tag und Nacht. Kein Schlummer schloß ihr Auge, keine Nahrung kam über ihre Lippen. Die Liebe gab ihr Muth, die Liebe gab ihr Kraft; — der Kampf zwischen der tiefsten Hoffnungslosigkeit und der inbrünstigsten Hoffnung erhielt sie aufrecht, weil er ihr keine Minute übrig ließ, ihre Ermattung und Anstrengung inne zu werden. Sie war in diesen ewig unvergeßlichen Tagen nur Seele. —
Ein neues Leben drang, wie eine geistige Arzenei, durch alle ihre Adern, als sie erfuhr, Theophil, er, dem sie einst mit so viel Gefahr und Aufopferung Gattin und Kind rettete, sey Commandant der Festung, und Victorine zum Besuch bei ihm.
Ihr Weg führte sie durch B., wo Voludas Braut wohnte. Ein heißer Schmerz durchzuckte Natalien, als sie daran dachte und sich eingestehen mußte, die Glückliche habe den näheren Beruf, ihn zu retten, und es sey für sie Pflicht, ihr zu weichen, wenn sie ihr Recht auf dieses Glück gültig machen wollte.
Schriftlich bat sie sie um eine Unterredung ohne Zeugen, und gieng dann, der erhaltenen Einladung gemäß, zu ihr. Natalie fand ein sehr reizendes Mädchen, und ihr Herz öffnete sich der Liebe zu dem Wesen, das dem Manne, den sie mit der lautersten Uneigennützigkeit liebte, das Glück seines Lebens gewähren sollte. Sie redete sie mit unverstellter Herzlichkeit an:
Entschuldigen sie es, wenn sich Ihnen in so finsteren Trauerstunden, eine Unbekannte zur Vertrauten aufdringt. Sie sind Voludas Verlobte?
Sie faßte bei diesen Worten des Mädchens Hand, und sah ihr mit voller Liebe in das Auge, das sich schnell mit Thränen füllte. —
Ja, antwortete sie, ich werde den edlen Mann auch jetzt nicht verläugnen, wo der Tod uns auf ewig zu scheiden droht.
Nein, sagte Natalie rasch, und heftig bewegt, er wird leben — ich bringe Hoffnung, und wenn es noch Schutzgeister des Guten giebt, Rettung.
Sie zergliederte ihr hier ihren ganzen Plan, und die an Wahrscheinlichkeit gränzende Möglichkeit seines Gelingens, und forderte sie auf, sie nach S. zu begleiten, um in diesem Fall mit Voluda das Schiff zu besteigen, das ihn nach Amerika zu führen, schon bereit lag.