Victorine eilte zu ihrem Gatten, und führte ihn herbei. Ein langer, harter Kampf begann, ehe Natur, Menschlichkeit, und jene ewigen, in die Brust des Menschen gegrabenen Gesetze, die keine Menschensatzung aufzuheben vermag, siegten, und er seine Mitwirkung, zur Ausführung des von Natalien entworfenen Planes, der sie selbst der größten Gefahr preisgab, versprach.

Von allen seinen Unglücksgefährten lebte Voluda nur noch allein, seine noch nicht geheilten Wunden hatten ihm das furchtbar grausame Glück verschafft, sie alle zu überleben. Nataliens Plan und ihre getroffenen Anstalten konnten hier allein Rettung möglich machen.

Nach unzähligen, besiegten Schwierigkeiten und Gefahren, sah Natalie endlich die Mitternacht hereinbrechen, die zu seiner Befreiung bestimmt war. Tod und Seeligkeit im Herzen, folgte sie, tief verhüllt, ihrem Führer, zu dem grausigen, dumpfen Kerker, wo sie beim Schein der mitgebrachten Leuchte, Voluda auf Stroh gebettet, und in schwere Fesseln geschmiedet, erkannte. Stumm sank sie vor ihm nieder, seine Fesseln zu lösen. — Sie sind frei, sagte ihr Begleiter zu ihm; was keine andre Macht vermocht hätte, ist der Macht der reinsten Güte und der edelsten Liebe gelungen. —

O Wunderwerk der Liebe! rief Voluda, und zog sie mit dem schon befreieten Arm an sein Herz — o meine Lotte, wie soll ich Dir danken! —

Nach sechsjähriger Trennung sah Natalie jetzt den Mann wieder, dem ihre Seele angehörte und dem ihr ganzes Leben geweiht war — sie lag in seinem Arm — sie fühlte sich von ihm mit inniger Liebe an sein Herz gedrückt — aber nur, weil er in ihr eine Andre, seine Geliebte, seine Braut, zu umfassen glaubte. —

Nein, sagte sie leise, und schlug ihren Schleier zurück, ich bin’s, Voluda.

Plötzlich und rührend trat vor seine Seele jetzt das Bild der ihm fast entfremdeten Zeit, und er erkannte ihre Treue und ihre Liebe — da umfaßte er sie von Neuem, und in einer langen stummen Umarmung ruhten beide weinend an einander. —

Um Gotteswillen, rief hier ihr Führer, wir haben keinen Augenblick zu verlieren! — Jede Minute Verzug droht mit dem Tode.

Diese Erinnerung an Voludas Gefahr gab Natalien ihre Fassung wieder. Sie sagte ihm in wenig Worten, was er wissen mußte, und gab ihm ihr Taschenbuch, in dem er fernere Anweisung, Wechsel, und Lottens Gemälde fand. — Dann faßte sie zum Lebewohl seine Hand, — drückte sie noch einmal an ihr Herz — noch einen Blick — und nun, ehe er mit einem Worte Abschied von ihr nehmen konnte, war sie durch die eine Thüre verschwunden, während ihr Begleiter ihn rasch durch die andre fortzog. —