Natalie verweilte noch einige Wochen bei Victorinen und ihren Gatten; dann kehrte sie nach N**** zurück, um dort in den Armen ihrer Charlotte, die Stunde ihres Todes mit stiller Freudigkeit zu erwarten.

Sie fühlte es, daß sie jetzt am Ziele stand, und sehnte sich in der Blüthe und der Fülle der geistigen Kräfte, mit unendlicher Liebe, nach der Stunde der Vollendung. —

Mit großer Ruhe und Heiterkeit ordnete sie ihren Nachlaß, und wandte alle ihr noch übrige Zeit an, ihre Lieben mit dem Gedanken an ihren Verlust auszusöhnen. —

Sie schrieb ihr Testament mit eigner Hand nieder, und einige Stellen desselben mögen hier als das treueste Gemälde ihrer Stimmung stehen. Am Morgen des Tages, an dem sie es schrieb, hatte sie von ihrem Arzt den Ausspruch erfahren, daß sie das Frühjahr nicht mehr erleben würde.

den 4ten Januar.

Ich stehe also am Ziele — aber noch ist es mir vergönnt, mich nach Euch, Ihr Geliebten Meiner Seele, Trost und Stolz und Freude Eurer Natalie im Tode wie im Leben, umzusehen. Noch erreicht Euch meine Stimme — aber wenn das Siegel dieses Blattes einst gelöset wird, dann tönt sie nur noch aus meinem Grabe dumpf zu Euch empor. — — Doch was der Raub dieses Grabes wird, ist nicht das, was Ihr an mir liebtet, und was Euch lieben wird, so lange mein Ich, dies innere, wahre, anerkannte Ich, in irgend einer Form des Daseyns bestehen wird! — O wie habe ich Euch geliebt! wie liebe ich Euch! — Wie seelig gerührt versammelt Euch mein Geist in dieser Minute um mich — wie glücklich macht es mich, sagen zu können, daß ich immer in meinem Leben, und in jedem Verhältniß desselben, treu war. — O wenn Ihr alles von mir vergessen könnt, so werden doch gewiß Minuten kommen, wo jeder von Euch sich sagen wird: Das Herz, das mich am innigsten und treuesten liebte, ruht nun im Grabe? —

Diese Gewißheit der Treue ist mir jetzt in meiner Sterbezeit mehr Bürge für meine Unsterblichkeit, als alles andre, was ich je darüber geglaubt, gedacht und empfunden habe. Meine Seele hat nur Einen Grundton: — Liebe — sie kann nicht vernichtet werden. Treue und unbedingte Hingebung waren bei mir nie ein Verdienst, nie eine Tugend — sie sind mein Wesen selbst. In Liebe habe ich gelebt — in Liebe werde ich sterben, und auch, so wahr Gott die Liebe ist, in Liebe einst wieder auferstehen. —

Ich weiß, wie heilig Euch Allen meine letzten Wünsche und Bitten seyn werden, und möchte Euch, meine Einzig, — Lieben, so vieles, vieles — sagen. — Mein Herz ist so voll — meine Seele stark, mein Geist freudig — aber mein Leben ist matt, meine Brust wund und hohl. —

Nimm Du mich zuerst an Dein Herz, Du meine reinste, beste Freude, Du frommes reines Herz, Du Seele ohne Makel und ohne Schuld, meine, meine Charlotte. — Mein letzter Seufzer wird noch Dein Name seyn, und Dank gegen Gott, der mir in Dir mehr gab, als ich je verdient habe — Liebste Charlotte, Seele meiner Seele — o diese Trennung von Dir — ich fühle es in diesem Augenblick — sie ist wie ein Riß durch ein lebendiges Herz. — Du wirst mich nie vergessen — in mancher trüben Stunde wirst Du zu meinem Bilde gehen, und getröstet und gekräftigt davon zurückkehren. Du hast in unsrer Freundschaft eine Gewißheit, wie Himmelsluft, in Dich gesogen, daß nun nie Unwerth und Treulosigkeit Deinen Glauben an Menschenherz werden zu erschüttern vermögen. — Eine Freundschaft, wie die unsre, ist für mehr als eine Welt. Das Grab trennt uns nicht; wir bleiben vereint. — Wirst Du einst Gattin und Mutter — und welches Mädchen ist mehr geeignet in beiden Verhältnissen das Beispiel der edelsten, beglückendsten Pflichterfüllung zu geben? — so gieb Deiner ältesten Tochter meinen Namen, und liebe mich in dem Kinde fort, wie ich gewiß auch auf irgend eine Art mit Dir verbunden bleiben werde. Versprich mir auch, so lange Du lebst, meinen Geburtstag zu feiern — sollte ich dort oben den 7ten April wohl vergessen lernen?

In Hinsicht Deiner Trauer über meinen Verlust, vertraue ich Deinem frommen Gottergebenen Sinn. — Ich habe zuweilen gesehen, daß man Kindern Verletzungen mit frischer Erde kühlt — auch mir, auch meinem armen wunden Herzen wird sie wohl thun. — Von allen Fähigkeiten meiner Seele ist nur eine ganz entwickelt, ganz geübt worden: die Fähigkeit zu leiden. — Weine daher um mich — aber laß es sanfte Thränen seyn. — Schone Dich, hänge Deinem Gram nicht nach. Es ist meine letzte Bitte; sie wird Dir heilig seyn. —