Etwas weiter, in der Nähe des Dorfes Seraju, liegt der malerischste Wasserfall, den ich je gesehen (Tjipotut): vom Rande der dicht bewachsenen Hinterwand fällt ein reichlicher Bach in ein erstes, fast kreisrundes, flaches Becken, in dessen mittlerem Theil das Wasser einen Teich bildet, worin mehrere Frauen badeten, während andere auf dem ringförmigen Rande im Schatten schlanker Bambusen mit ihnen scherzten. Aus einer Rinne stürzte das Wasser in ein zweites Becken und von da in einen tiefen, runden Kessel, dessen finstere mit Farnen bekleideten Tuffwände einen schönen Gegensatz zu den oberen sonnigen Becken bildeten. Als ich vom Wasserfall zurückkehrte, sah ich meinen Begleiter beschäftigt, Anstalten gegen den Regen zu treffen, der uns bevorstand, d. h. er wickelte seine Uhr und Brieftasche geschickt in ein Bananenblatt, so dass das Wasser davon, wie von einem Dache ablaufen musste. Kaum waren die Vorbereitungen vollendet, als ein heftiger Regen eintrat, der ununterbrochen bis Priatin anhielt, das wir nach einigen Stunden erreichten. Herr B. war wieder ein Beispiel für die Richtigkeit der Behauptung, die ich in Indien so oft von Aerzten und alten Praktikern hörte, dass nämlich ein sonst gesunder Körper sich am besten akklimatisirt, wenn er kein Wetter und keine Strapazen scheut. Obgleich mein Gefährte schon 28 Jahre in ostindischen Diensten stand, und namentlich als Kontrolör grosse Beschwerden erduldet hatte, war er noch so rüstig, dass er in seiner dünnen Kattunjacke den in 3–4000' Höhe doch ziemlich kalten Regen anscheinend ohne alle Belästigung ertrug. Der Abend in Priatin war sehr schön. Die Kulis lagerten sich um ein gewaltiges Wachtfeuer und erfreuten sich am Gamelang und Tanz der Ronggengs, der bis spät in die Nacht dauerte.
Am folgenden Morgen, nachdem ich mich von meinem freundlichen Begleiter, der nach Purwolingo zurückkehrte, verabschiedet hatte, bestieg ich den Slamat, auf dessen östlichem Abhang Priatin in 4000' Höhe liegt. Einen Paal weiter stehen die letzten von einigen Kaffeebauern zeitweis bewohnten Hütten. Das Steigen wäre viel beschwerlicher gewesen, hätten wir nicht bald Rhinozerospfade getroffen, die in bequemen Windungen bis an den Schuttkegel führen, aus dem die Spitze des Berges besteht. Diese Thiere müssen hier sehr häufig sein, wir trafen vielfach ihre Spuren. Im ganzen Westen von Java kommen sie vor; der Slamat bildet aber die östlichste Grenze ihres Verbreitungsbezirks. Das Nashorn ist so scheu, dass man es fast nie zu Gesicht bekommt; doch werden einzelne Fälle angeführt, wo es, wahrscheinlich in der Brunstzeit, Menschen angegriffen hat. Die plumpen Thiere ersteigen die höchsten Berge, wo sie ihr Lieblingsgras in Menge finden, und sind unübertrefflich im Anlegen von Strassen: indem sie immer derselben Spur folgen, schleifen sie mit ihrem tief herabhängenden, faltigen Lederpanzer und dem daran haftenden Sande allmälig tiefe Rinnen mit völlig glatten Wänden selbst in das härteste Gestein. Nicht minder wunderbar erscheint der ausgezeichnete topographische Takt, mit welchem alle Terrainschwierigkeiten umgangen, steile Stellen durch Zickzacklinien überwunden werden; das Wunder erklärt sich aus der Unbeholfenheit des Thieres, dem schwierige Stellen unzugänglich sind. — Das Fell des Rhinozeros dient zu verschiedenen Zwecken; als Schild lässt es keine Musketenkugel durch; die Chinesen gebrauchen es in der Medizin. Das Horn gilt in Java als ein sicheres Mittel gegen Schlangengift, nicht nur bei den Eingebornen, auch viele gebildete Europäer sind von seiner Wirksamkeit so fest überzeugt, dass sie auf Reisen gewöhnlich eine dünne Scheibe davon bei sich tragen, in der Meinung, dass durch Auflegen der porösen Masse auf die Wunde das Gift unfehlbar ausgezogen wird. Eine Dame, die auf diese Weise einen von einer Schlange Gebissenen „geheilt”, hatte sogar die Hornscheibe vorher in Essig gelegt, um sie noch wirksamer zu machen!
Nachdem wir die Waldgrenze überschritten und die Region betreten hatten, in welcher nur einzelne Bäume aus einige Fuss hohem Grase hervorragten, genossen wir einen prächtigen Anblick. Hinter den Vorbergen des Slamat sah man das nördliche Flachland und hinter diesem die Java-See sich ausbreiten, im Westen überragte der Tjerimai die kleineren Berge, im Osten thürmte sich ein hoher Vulkan hinter dem andern auf, dahinter die 9–10,000' hohen Sindoro, Sumbing, Merapi, Merbabu; im Süden lag die reiche Provinz Banjumas und der indische Ozean. Die beiden Meere sind von hier fast gleichweit entfernt. Mehrere tausend Fuss unter uns schwebte in einer horizontalen Ebene die Wolkenschicht, unzählige Cumuli bildend, und warf auf den Erdboden scharf begrenzte Schatten, die durch die Zwischenräume deutlich zu erkennen waren. Der schöne Anblick dauerte nicht lange, die Cumuli verschwammen zu einer dichten, jede Aussicht verhüllenden Nebeldecke, noch ehe wir den oberen Rand der Grasregion erreicht hatten, die scharf, wie abgeschnitten, an den Schutthaufen grenzt, auf dem man die letzten paar tausend Fuss zum Kraterrande emporsteigt. Als ich mit 2–3 Begleitern oben ankam, stellte sich ein feiner, kalter Regen ein, der uns in unserer sehr dünnen Kleidung vor Kälte zittern machte. Allmälig kamen einige Leute mit Gepäck, es wurde ein Wachtfeuer angezündet; gegen Abend glich der Berggipfel einem grossen Lagerplatz. Herr B. hatte in liebenswürdigster Zuvorkommenheit 20 Kulis zu meiner Begleitung bestimmt, und dieselben mit allerlei Geräthen der Bequemlichkeit ausgerüstet, um diese Exkursion zu einer wahren Vergnügungsreise für mich zu machen. Als ich aber gegen Abend die Menschen an den verschiedenen Feuern zählte, waren ihrer über 80, von denen die grosse Mehrzahl doch nur zu ihrem Vergnügen sich betheiligt haben konnte, da nicht anzunehmen ist, dass jeder Kuli noch drei Unter-Kulis habe.
Aus drei Matten und ein paar Bambusen war schnell eine kleine Zelle für mich erbaut, deren eine Seite die Felswand bildete. Allmälig füllte sie sich mit allerlei Luxusgegenständen: ein Träger brachte eine Lampenglocke, andre ein Waschbecken, Teller, Theetassen. Ein trockener Rock und etwas zu essen wäre mir lieber gewesen; die Aussichten für die Nacht waren etwas ungemüthlich, als zu meiner Freude noch spät Abends der Koch erschien, der schon auf einem Halt unterwegs das Essen zubereitet hatte. Mit ihm zugleich kam eine mit Baumwolle gestopfte Matratze, worin ich eine unerwartet angenehme Nacht zubrachte, indem ich ihr oberes Ende aufschnitt und bis an den Hals hineinkroch.
Bei ihrem Aufgang warf die Sonne den langen Schatten des Slamatkegels auf die über der Ebene schwebende Wolkenschicht, aber bald wurde es völlig trübe und die Aussicht beschränkte sich auf die nächsten Punkte. Am nördlichen Abhang erblickt man einige kleine Seitenkrater, wie man deren so viele am Aetna wahrnimmt. Gegen Mittag verliessen wir den Gipfel. Am unteren Rande des Schuttkegels begegneten wir noch mehreren Kulis mit Gegenständen, die uns gestern Abend sehr angenehm gewesen wären. Sie hatten die Nacht im weichen Grase gelagert und kehrten nun mit uns um. Als wir kaum die Rhinozerospfade betreten hatten, begann es so heftig zu regnen, dass diese schmalen, Laufgräben ähnlichen Wege sich in Bäche verwandelten. Um 4 Uhr Nachmittags waren wir wieder in Priatin.
Bei der Rückkehr nach Banjumas hatte ich das Vergnügen, unsern Landsmann, den Oberst v. S., kennen zu lernen, der als Chef des Geniewesens auf einer Inspektionsreise begriffen war und mir bis zu dem Augenblick, wo ich Java verliess, unzählige Gefälligkeiten erzeigte. Mein Bedienter war von den Strapazen der letzten Reise krank geworden; der Resident von Banjumas nöthigte mir, als ich nach einigen Tagen abreiste, einen der zuverlässigsten und intelligentesten seiner eigenen Diener auf, der mich während meines ganzen ferneren Aufenthalts in Java begleitete und überhäufte mich überdies mit Aufmerksamkeiten, deren ich zum Theil erst nach meiner Abreise inne wurde.
Ich kann nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit nochmals der grossen Gastfreundschaft in Java und der Art ihrer Ausübung zu gedenken, denn sie bildet einen der hervorragendsten Züge im dortigen Reiseleben, der in der Erinnerung um so deutlicher hervortritt, je mehr sich die andern Eindrücke verwischen. — Bei den Völkern lateinischer Abstammung wird Einem im ersten Auflodern der Gefälligkeit so viel mehr versprochen, als gehalten werden kann, dass Alles nothwendig auf eine höfliche Formel hinauslaufen muss, die aber gerade, weil sie nichts kostet, so allgemein ist, dass der oberflächliche Verkehr mit ihnen dadurch eine angenehme Färbung erhält. Die Engländer, die das, was sie versprechen, auch wirklich zu halten meinen, zaudern vorsichtig mit ihrem Entgegenkommen und stossen expansive Ausländer durch ihre kalte Gemessenheit ab. In Java wird die Formel der Spanier: „Sie sind in Ihrem Hause, dies Haus ist das Ihrige”, zur Wahrheit, ohne je ausgesprochen zu werden; wie überhaupt die unzähligen, dem Fremden erwiesenen Dienste, aus Furcht, dass er sie ablehnen könnte, nie vorher angeboten werden. Dass der Bediente nach den kleinen Gewohnheiten, den Lieblingsgerichten, den Speisestunden seines Herrn ausgefragt, und dass danach die Hausordnung abgeändert wird, ist durchaus nichts seltenes; aber nicht nur auf die Dauer des Besuchs beschränkt sich die liebenswürdige Fürsorge; mehreremale, wenn ich auf einem Berggipfel oder in einem abgelegenen Pasanggrahan das tägliche Huhn mit Reis essen wollte, fand ich den Tisch mit allerlei Leckerbissen besetzt, welche die Frau des Hauses, in dem ich zuletzt eingekehrt war, dem Diener heimlich zugesteckt hatte.
Fünftes Kapitel.
Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren. Tempel. — Vogelscheuchen. — Tempel Perot. — Affengemeinde. — Bad. — Fliegende Hunde. — Borobudor. Pavon. Mundut. — Sultan von Jokjokarta und seine Familie. — Salzgewinnung. — Karang-tritis. — Getäuschter Gastfreund. Landpächter. — Indigofabriken. — Begräbnissplatz Imogiri. — Tempel bei Kalasan und Prambanan. — Surakarta. — Der Kaiser und sein Hofstaat. — Betelkauen. — Pangerans. — Tanz. — Der alte Blücher. — Batek. — Berg Lawu. Raden Rio. — Neujahrsfest in Surakarta.