„In diesen fünf Tagen“, berichtet der Vater, „war seine Stimmung eine ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte, verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde, etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.“

Von seinem Werke „Geschlecht und Charakter“ habe Weininger dem Vater gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat, ihm „hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen, kundzugeben zur Ausbesserung.“ Der erste Teil des Buches hatte als Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli 1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des Vaters hat Weininger an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil wahrscheinlich inbegriffen) „aber mit geradezu furchtbarem Fleisse“ gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; „er belächelte und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von Moebius ärgerte ihn“. Moebius hatte nämlich in einer Besprechung des Weiningerschen Buches (in „Schmidts Jahrbüchern für die gesamte Medizin“. Augustheft 1903) den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles Tatsächliche bereits in seinem „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das Weiningersche Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und Weininger hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner Ausführungen mit den „hausbackenen“ von Moebius von vornherein protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901 erschienene Werkchen von Moebius grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte. Unterm 17. VIII. 03 schrieb Weininger aus Syrakus an Moebius einen „langen, etwas formlosen Brief“ des Inhaltes, Moebius müsse entweder beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung gerichtlich belangen. Moebius nahm den „hingeworfenen Handschuh“, wie sich Weininger ausdrückte, in seiner Broschüre „Geschlecht und Unbescheidenheit“[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte.

In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende Episoden. „Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn) von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt, murmelte er vor sich hin: „Ich habe ein Buch für die Jahrtausende geschrieben, werde aber noch nicht verstanden“. Das sagte er alles in stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je verstünde.“ Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde berufen; sie sind treffliche Beweismittel.

Körperlich habe Weininger nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute Verdauung gehabt. Der Biograph Rappaport erzählt von epileptischen Anfällen Weiningers; er will selbst solche Anfälle bei Weininger mit angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles, was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie nichts von solchen Anfällen bei Weininger bekannt sei. Er ist der Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach Weiningers Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater schreibt: „Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar, ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal erfährt.“ Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die Epilepsie „vortäuschen“.

Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz an; Weininger habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu zeigen; der Mangel an Familiensinn, den Weininger gehabt habe, habe das Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen meiner Ansicht nach Unrecht.

Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die Angaben Rappaports von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln; und dazu sind gerade die Niederschriften Weiningers aus seiner letzten Epoche, auch wenn es sich nur um „Keime für spätere Ausarbeitung“ handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. Rappaport berichtet über Weininger: „Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!) besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.“ Aus dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben) müsste sich Rappaport wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten; dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem Weininger das elterliche Haus verlassen?

Mit Bewunderung spricht Rappaport von der kolossalen Arbeitskraft, den umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: „Er (Weininger) hat auch einmal ein Gehirn seziert!“

Weininger war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus von Avenarius. „Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich bald.“ Der totale Umschwung sei durch ethische Probleme herbeigeführt worden, die Weininger zum Anhänger Kants machten und „im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker vollzogen“ (Jodl).

Sehr interessant ist, was Rappaport über das Verhältnis Weiningers zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. Weininger fühlte bei jeder einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien, so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme ..... so empfand Weininger „in diesem Motiv den spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die Erbsünde u. s. w.“ Die A-Dur-Melodie der Griegschen Peer Gynt-Suite nannte Weininger „die grösste Luftverdünnung, die jemals erreicht worden ist.“

Das fühle einmal Jemand nach.