Für Wagner hatte Weininger ursprünglich keine Zuneigung; es war dies noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar noch ziemlich geringschätzig über Wagner. „Aber in der grossen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte sich auch das gewaltig.“ Richard Wagner wurde nun für Weininger der Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. „Am allermeisten schätzte er textlich den Parzifal“. Die ungeheuerste Wirkung übte nach Rappaport das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus („Du Wecker des Lebens, siegendes Licht“); Weininger nannte es „die Resorption des Horizontes“.

Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war Weininger allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; „alles Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen“, „alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst“. „Sein erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!) wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden ist.“ Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis Weiningers zu berichten.

Im persönlichen Umgang machte Weininger, wie ich vernahm, vielen einen unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein über alle Massen grosses Selbstgefühl. Rappaport schreibt dazu: „Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er niemals ‚gemütlich‘ war.“

Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom August 1902 (an Arthur Gerber) Zeugnis: „Ich habe jetzt die Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.“

Wenn man das Wesen Weiningers verstehen wolle, meint sein Interprete, müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche, das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei ihm. Weininger verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die „Lehre“ Weiningers lässt sich nach Rappaport folgendermassen darstellen: „Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für Weininger das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster Gegensatz.“ Da in Weininger diese Gegensätze äusserst intensiv empfunden wurden, so musste er „einen Kampf bestehen, der an Intensität, an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte“!! Weininger habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen Weiningers hervorgeht.

Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein Hauptteil der „Lehre“ war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während Weininger von Hause aus „sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er doch in der letzten Zeit vollkommen keusch“.

Wie bereits erwähnt, hatte Weininger vor der Verwandlung den Gottesbegriff negiert; später aber war er „fest überzeugt davon, dass die Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.“ Nach Rappaport war Weininger als dualistisch empfindende Persönlichkeit zugleich Verbrecher und Heiliger; Weininger selbst hat in seinen Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter, der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu überwinden habe. Als in Weininger das Böse die Übermacht zu erlangen schien — in den Tagen der Depression —, da beging er den Selbstmord, in einem „Akt des höchsten Heroismus“, „um nicht dem Bösen zu verfallen, um nicht einen anderen töten zu müssen“. Seine verzweifelte Stimmung trieb ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der Zeit vom VIII.-IX. 1903): „Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich Dir nur sehr; er ist das absolute Gegenteil Shakespeares und Shakespeare oder die Shakespeare-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...“

Der Vater Weiningers meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund dieser Briefe hätte ein „Alarmsignal“ geben müssen. Als Weininger in den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: „In der letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete Ferne am besten auf ihn.“ Über die letzten Tage berichtet Rappaport, dass Weininger noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den „letzten Aphorismen“ geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die herannahende Katastrophe verkündigt. „Völlige Dunkelheit brach über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand, bemächtigte sich seiner.“ „Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in Berührung gekommen ist.“ Ferner: „Meine Rückkehr nach Wien hätte eine zweite Inkarnation sein sollen.“ Am 3. X. 03 mietete Weininger dann, wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in die Brust. Moebius' Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an Weininger in tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt.

Weder der Vater noch der Freund haben bei Weininger jemals Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen Weiningers geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit Feuerscheinen sah. In „Über die letzten Dinge“ heisst es Seite 122: „Der Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach die Vision, die Goethe, nach dem Faust zu schliessen, gehabt haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand“.

Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind. Weininger promovierte mit dem ersten Teil von „Geschlecht und Charakter“, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich Weininger bei den Professoren Jodl und Müllner für das freundliche Interesse, das sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber Weininger beinahe ein ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe beschrieb die äussere Erscheinung Weiningers wie folgt: „Ein schlank gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben, nicht erwehren.“