Die Werke.
Die beiden Bücher, die die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage der Beurteilung von Weiningers Geisteszustand bilden, sind „Geschlecht und Charakter“ und „Über die letzten Dinge“. Das erstere besteht aus zwei Teilen, einem kleinen, einleitenden, der Anfang 1902 entstanden ist und als Dissertationsschrift diente, und einem zweiten grossen Teil, der im Herbst 1902 nach Ablauf der ersten Depression begonnen wurde. „Über die letzten Dinge“ enthält eine Reihe von Aufsätzen und Fragmenten, die nach Weiningers Tode nach dessen testamentarischer Anordnung von seinem Freunde Moriz Rappaport herausgegeben worden sind. Ausser einigen wenigen Stücken wurde der Inhalt des Buches während der italienischen Reise ausgearbeitet. Ich will im folgenden den Inhalt besonders des ersten Werkes systematisch besprechen und lasse, da er als eine Art Exploration gelten soll, Weininger soviel als möglich in seinen eigenen Worten seine Ideen vorbringen.
Schon der Untertitel des Hauptwerkes, „eine prinzipielle Untersuchung“ verrät die hohe Selbsteinschätzung des jungen Autors. Wie er selbst über das Werk dachte, beweist seine Selbstanzeige in der „Zukunft“ vom 22. VIII. 1903: „Ich glaube in diesem Buch das psychologische Problem des Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschliessende Antwort auf die sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig phrasenfreie, bis zum letzten Ende menschlichen Wissens (!) geführte Erforschung des Wesens der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein Niveau, auf dem die bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben.“ Von Bescheidenheit wird da wohl niemand etwas verspüren.
Der erste Teil, betitelt „Die sexuelle Mannigfaltigkeit“, umfasst nur knapp 93 Seiten des ohne Anmerkungen 461 Seiten dicken Buches; es ist aus der Dissertation zu einer biologisch-psychologischen Einleitung geworden zum zweiten Teil, den „sexuellen Typen.“ Dieser erste Teil ist eine Studentenarbeit voll Härten und Extremen, zusammengetragen wie die allermeisten Dissertationen, aber sehr fleissig gearbeitet und grosses Wissen zeigend; der Einfluss der kurz vorher erschienenen Arbeiten von Moebius ist hier ganz unverkennbar. Ich will mich hier nicht vertiefen in die allgemein bekannten Fragen, zu denen Weininger mit grosser Belesenheit Ansichten gesammelt und gesichtet hat z. B. wo die Geschlechtlichkeit im Körper stecke; nicht darauf kommt es an, was an Wissen, Ansichten und Schlüssen anderer in dem Buche mitläuft und manche blendet, sondern auf die Schlüsse, die Weininger selbst zieht; wenn die Schlussfolgerungen, die einer aus seinem Denken zieht, pathologische sind, so hilft einem alles gesammelte Wissen des Autors darüber nicht hinweg. Was herauskommt, wenn man das Eigene Weiningers herausschält, will ich nun zeigen.
Es gibt nach Weininger eine Reihe bestimmter Eigenschaften, die rein männlich sind; das sind alle die grossen, guten, mächtigen Eigenschaften; sind diese vereinigt, so entsteht der ideale, allerdings nur hypothetische Mann (absoluter M), der aus lauter + = Eigenschaften besteht; leider giebt es diesen nicht, weil auch dem höchstpotenzierten Manne immer etwas von Minuseigenschaften beigegeben ist; den Pluseigenschaften steht nämlich eine Reihe gegenüber, die man mit Minuseigenschaften bezeichnen könnte und deren reine Summe das absolute Weib (W) wäre. Da es nach Weininger die beiden Idealpole nicht giebt, so ist jeder Mensch aus männlichen und weiblichen Eigenschaften zusammengesetzt, das Reich der sexuellen Zwischenstufen somit eigentlich zur Norm erklärt. Je nach dem Überwiegen der M = oder W = Bestandteile ist man, was man unter dem landläufigen Begriffe Mann und Weib versteht. Jedes Individuum hat soviel W, als ihm M gebricht und sucht durch eine Art geheimnisvoller Affinität nach mathematischen Grundsätzen das Fehlende durch ein anderes Wesen zu ergänzen, so dass in der Vereinigung die Summe von 1 M + 1 W entsteht. Die Entdeckung des grossen Gesetzes, nach dem die Geschlechter sich anziehen, ist gefunden, verkündet Weininger. Dass Schopenhauer schon dies alles kurz und vernünftig ausgesprochen hat, that der Entdeckung keinen Eintrag; Schopenhauer hat dieses grosse Gesetz nur „geahnt“ und der Entdecker will diese Ahnung Schopenhauers erst zu Gesicht bekommen haben, als sein Buch fertig war. Das ist natürlich, wenn nicht direkt erfunden, zum mindesten eine Erinnerungstäuschung, wie Moebius ganz richtig annimmt; Weininger hatte eben eine Menge zusammen gelesen und wusste im besten Fall nicht mehr, ob Erinnerung oder eigener Gedanke vorliege. Ich werde noch auf mehrere solche Dinge bei Weininger hinweisen können, wo der Ursprung seiner Ideen sich klarlegen lässt trotz der Verzerrung, die den ursprünglichen, fremden Gedanken angethan worden ist.
Der Hauptfehler des Weiningerschen Systems liegt darin, dass er etwas als Thatsache annimmt, was er erst beweisen sollte, und dann von falschen Prämissen ausgehend, zu den kühnsten Schlüssen kommt; ferner dass er, wie Moebius sagt, „dadurch zu sachlichen Kenntnissen zu kommen sucht, dass er ohne Rücksicht auf die Erfahrung verallgemeinert und das, was bedingungsweise gilt, für bedingungslos erklärt.“ Was der wissenschaftlich Forschende in mühsamem Streben erst zu erreichen sucht, bildet für ihn den Ausgangspunkt; was erst, wenn überhaupt möglich, zu erhärten gewesen wäre, nimmt er beweislos oder nach einem kurzen Scheinbeweis als etwas Feststehendes an und zwar nicht etwa infolge einer Art Intuition oder Inspiration, sondern weil, wie wir sehen werden, die Annahme von allem früher Angenommenen meilenweit sich entfernt und aus derselben sich eine Fülle auf den ersten Blick verblüffender Folgerungen ziehen lässt. Was Weininger in seinem Vorwort zur 1. Auflage mitteilt, bestätigt diese aus dem Inhalt der Schrift sich ergebende Auffassung vollkommen. Hier bemerkt er nämlich: „Es sollen nicht möglichst viele einzelne Charakterzüge aneinander gereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern die Zurückführung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein einziges Prinzip versucht werden. Hierdurch unterscheidet es sich von allen anderen Büchern dieser Art ...“ Schon hier ist, allerdings unklar, angedeutet, dass eine aprioristische Annahme und zwar eine solche von grösster Tragweite das Leitmotiv der ganzen Arbeit bildet. Es liegt ja nahe, dass das einzige Prinzip, auf welches Weininger alle Gegensätze von Mann und Weib zurückzuführen unternahm, bei ihm schon feststand, bevor er an die Durchführung der Arbeit ging. Noch deutlicher wird dies durch eine Bemerkung an einer späteren Stelle des Vorwortes, in welcher er sich bemüht, als das Ziel seiner Arbeit etwas weit höheres als die Charakterisierung der Geschlechtsunterschiede hinzustellen. „Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren“, heisst es da, „dass die Behandlung der letzten und höchsten Fragen hier gleichsam in den Dienst eines Spezialproblems von nicht grosser Dignität gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser Empfindung. Doch darf ich sagen, dass durchaus das Einzelproblem des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das Ziel des tieferen Eindringens bildet.“ Das ist wenigstens klar; was „das Ziel des tieferen Eindringens“ bildet, wird sich bald zeigen.
Doch nun wieder zum Inhalt von „Geschlecht und Charakter“. Weininger fasst kindlich das ganze Gebiet der Sexualität wie einen Baukasten auf; alles lässt sich auf einfachste Weise konstruieren; jede sexuelle Frage lässt sich mit dem Zauberschlüssel der Weiningerschen Lehre lösen: Homosexualität, Genie, Frauenfrage; so einfach wie nur möglich. „In dem Gesetz der sexuellen Anziehung ist zugleich die langgesuchte Theorie der konträren Sexualempfindung enthalten.“ Hat nämlich ein Mann geschlechtliche Neigung zu Angehörigen des eigenen Geschlechtes, so hat er eben eine relativ hohe Summe von W in sich; er wird also beim Suchen nach seinem Komplement zu M hingezogen; Homosexualität bei der Frau, Amor lesbicus, ist natürlich „Ausfluss ihrer Männlichkeit“; da diese aber „Bedingung ihres Höherstehens“ ist, so kann man sich, aus der falschen Voraussetzung, dass M und gut identisch seien, die Folgerung denken; da kommt schon der erste grosse Unsinn: das homosexuelle Weib steht über dem normalsexuellen: das ist natürlich eine logische Konsequenz.
Periodisch scheint nach Weininger in gewissen Zeiträumen eine starke Vermehrung jener Zwittergeschöpfe einzutreten, die sich dicht an den Grenzen, wo M und W ineinander überfliessen, herumtreiben; auf diese z. Z. wieder vorhandene Flut wird das Gigerltum und die Frauenemancipation zurückgeführt; beide sind Parallelerscheinungen, derselben Ursache entsprungen! Was das Emancipationsbedürfnis und die Emancipationsfähigkeit einer Frau anbetrifft, so liegen dieselben „nur in dem Anteil an M begründet, den sie hat .... Nur den vorgerückteren sexuellen Zwischenstufen, die gerade noch den Weibern beigezählt werden, entstammen jene Frauen der Vergangenheit und Gegenwart, die von männlichen und weiblichen Vorkämpfern der Emancipationsbestrebungen zum Beweis für grosse Leistungen der Frau immer mit Namen angeführt werden.“ Was also die emancipierten Frauen betrifft, „nur der Mann in ihnen ist es, der sich emancipieren will.“ Die Frauenfrage ist demnach höchst einfach dahin gelöst, dass es überhaupt keine solche Frage giebt; das thatsächliche Weib ist absolut unfähig zu jeder Emancipation; es ist sogar die grösste Feindin derselben.
Damit sind wir schon über den ersten Teil von „Geschlecht und Charakter“ hinaus und steuern nun ins wilde Meer der krassesten Behauptungen und des wildesten Unsinns. Es werden zunächst die Unterschiede zwischen M und W gründlich festgestellt; wie W dabei wegkommen muss, ist von vornherein bereits erwiesen.
„Das Weib ist fortwährend, der Mann nur intermittierend sexuell.“ „Der Mann hat gleichen psychischen Inhalt wie das Weib in artikulierter Form; wo sie mehr oder weniger in Heniden denkt, dort denkt er bereits in klaren, distinkten Vorstellungen, an die sich ausgesprochen und stets die Absonderung von den Dingen gestattende Gefühle knüpfen. Bei W sind Denken und Fühlen eins (= Henide), ungeschieden, für M sind sie auseinanderzuhalten. W hat also viele Erlebnisse in Henidenform, wenn bei M längst Klärung erfolgt ist. Darum ist W sentimental und kennt das Weib nur die Rührung, nicht die Erschütterung. Es lebt also der Mann bewusst, das Weib unbewusst.“