Nachdem der Freiherr die gewohnte Siesta gehalten, brachen sie nach dem Walde auf, der hinter dem Schlosse lag. Ein kleines Hinterpförtchen in der Umfassungsmauer des Parkes, das der Freiherr aufschloß, führte zuerst auf ein Feld hinaus, wo die Ähren, von rotem Mohn durchleuchtet, bereits eine gelbliche Färbung angenommen hatten. Sie durchschritten es auf einem schmalen Pfade, dann traten sie in das duftige Bereich des Nadelholzes. Langsam bewegten sie sich im Anstiege fort, bis sie endlich eine Waldblöße erreicht hatten, wo eine alte, breitästige Föhre aufragte. Eine Ruhebank stand davor, und an dem rötlich grauen Stamm war ein Bild zu sehen: das schöne, leidvolle Antlitz einer mater dolorosa. Klothilde selbst hatte es vor einigen Jahren nach einem älteren Meister kopiert und an ihrem Lieblingsbaume angebracht. Trotz einer schützenden Überdachung hatten die Gouachefarben bereits gelitten und Klothilde nahm sich vor, nächstens ihren Malkasten mitzunehmen und den Schaden auszubessern.

Die Sonne stand schon tief, als sie wieder in das Schloß zurückkehrten. Nach einer kurzen Trennung fanden sie sich wieder im Salon zusammen. Draußen hatten sich die Fluren bereits in Dämmerung gehüllt, die der Schimmer des zunehmenden Mondes leicht durchbrach. Bald wurden die Lampen gebracht, und man nahm den Tee, worauf sich Klothilde am Klavier niederließ und die Mondscheinsonate zu spielen begann. Zauberhaft quollen die Töne unter ihren Händen auf und drangen durch die offene Altantür in die schweigende Landschaft hinaus, welche jetzt von dem sanften Silbergestirn immer leuchtender erhellt wurde. Und als dann später die beiden Gatten auf dem Altan standen und in die azurene Nacht emporblickten, da wölbte sich der Himmel mit seinen unzähligen Sternen wirklich über zwei glücklichen Menschen.

II.

Drei Wochen waren den Bewohnern des Schlosses auf solche Art in sanfter Gleichmäßigkeit dahingegangen. Der Sommer hatte sich inzwischen zu seiner eigentlichen Höhe erhoben, und der Duft der blühenden Linden schwamm weithin in der Luft. Der Freiherr verbrachte nunmehr die sonnedurchglühten Stunden des Tages in seinem nach Norden gelegenen Arbeitszimmer, wo er bereits allerlei Material zu seinen Denkwürdigkeiten aufgesammelt hatte; seine Gattin aber hielt sich dann in ihrem Sommerhause auf, wo sie eine Art geschäftigen Traumlebens führte. Sie saß an der kleinen Staffelei und strichelte zierlich an ihrer idealen Landschaft, und wenn es in den niederen Räumen allzu schwül wurde, so nahm sie eines ihrer Lieblingsbücher und ließ sich unter den schattenden Birkenwipfeln nieder, zuweilen mit sinnendem Aug’ dem Fluge der Schwalben folgend, die im Zick-Zack über die Wiese hinschossen, oder dem Rufe des Kuckucks, lauschend, der aus dem Walde herübertönte.

Eines Tages, als das Ehepaar eben abgespeist hatte, wurde vom Kammerdiener mit dem Kaffee ein versiegeltes Schreiben gebracht, das für den Freiherrn bestimmt war. Es enthielt die Mitteilung des Gemeindevorstehers, daß der Marktflecken Einquartierung zu erwarten habe. Und zwar den Stab und die erste Division eines Dragonerregiments, welchem der hiesige Landbezirk als Kantonierungsstation angewiesen sei. Dem Orte falle es natürlich nicht allzu schwer, die Offiziere und Mannschaften unterzubringen; hinsichtlich der Pferde jedoch gebe es große Schwierigkeiten, daher man den Freiherrn ersuchen müsse, die bekanntlich sehr ausgedehnten Stallräume des Schlosses zur Verfügung zu stellen. Man würde auf ungefähr dreißig Pferde rechnen. Selbstverständlich wären dann auch die betreffenden Reiter aufzunehmen, die jedoch in den Ställen selbst unterkommen könnten. Auch wäre man sehr dankbar, wenn Seine Exzellenz so liebenswürdig sein wollte, einen oder zwei der Herren Offiziere zu beherbergen, unter denen, wie man in Erfahrung gebracht, einige vom hohen Adel sich befänden. Man beabsichtige in dieser Hinsicht selbstverständlich keinen Zwang, bitte aber um möglichst raschen Bescheid, da die Truppe schon morgen hier einrücken werde.

Der Freiherr hatte das Schreiben mit zunehmendem Stirnrunzeln gelesen und zögerte jetzt, seiner Gemahlin den Inhalt bekannt zu geben. Da sie ihn aber doch erfahren mußte, so überreichte er ihr das Blatt, welches sie, nachdem sie es rasch überflogen, auf den Tisch sinken ließ. „Soldaten!“ rief sie aus, während nach und nach ein tiefes Erröten in ihrem Antlitz zum Vorschein kam.

„Ja, Soldaten!“ erwiderte er in erzwungen resolutem Tone. „Kriegsvolk und Landesplag’,“ setzte er bitter scherzhaft, Heine zitierend, hinzu. „Unser stiller Schloßhof wird morgen einem lärmenden Feldlager gleichen.“

„Und müssen wir uns denn dem Auftrage unterziehen?“ fragte sie, ihn angstvoll ansehend.

„Allerdings, mein Kind“, antwortete er nach kurzem Schweigen. „Wir haben unseren Teil der gemeinsamen Lasten ohne Widerrede zu tragen. Auch läßt sich nicht leugnen, daß unsere Stallungen leer stehen, da ja die ganze Feldwirtschaft verpachtet ist. Wir müssen also die Leute aufnehmen.“

„Und die Offiziere?“ fuhr sie zögernd fort. „Man hat uns in dieser Hinsicht zu nichts verpflichtet.“