„Gewiß. Aber wohl erwogen, können wir auch dieses Ersuchen nicht von der Hand weisen. Es würde illoyal — zum mindesten seltsam erscheinen. Angenehm kann es mir nicht sein, das begreifst du. Wären es noch Offiziere schlechthin, so würde sich die Sache auch einfacher gestalten; aber es sind, wie in dem Blatte zu lesen, auch welche vom Hochadel darunter, und man wird nicht ermangeln, uns gerade diese heraufzusenden. Das ist fatal. Du weißt, ich habe zur Aristokratie seit jeher, nicht bloß infolge meiner Anschauungen, sondern auch als Emporkömmling auf gespanntem Fuße gestanden, wenngleich es meine Stellung mit sich brachte, daß ich mit den Leuten, soweit es not tat, verkehren mußte. Aber da es nun nicht anders geht, so sollen sie in Gottes Namen kommen!“

„Und wo werden wir sie unterbringen?“

„Auch dafür wird sich Rat schaffen lassen. Steht doch der kleine Anbau des linken Flügels, in welchem sich früher das herrschaftliche Gerichts- und Rentamt befand, vollständig leer. Es enthält zwei ganz bequeme Wohnungen, die auch, wie ich glaube, zur Not eingerichtet sind; außerdem kann man einiges hinüberschaffen lassen. Und somit,“ fuhr der Freiherr fort, indem er aufstand und entschlossenen Schrittes auf und nieder ging, „somit ist die Angelegenheit erledigt. Zu einem gesellschaftlichen Verkehr sind wir nicht verpflichtet; auch pflegen die Herren, die gerne ungezwungen unter sich bleiben, einem solchen meistens selbst auszuweichen.“

Sie erwiderte nichts und blieb in unruhiges Nachdenken versunken.

Er trat auf sie zu und legte die Hand beruhigend auf ihren Scheitel. „Nimm diesen Zwischenfall nicht so tragisch, Klothilde“, sagte er. „Er wird vorübergehen wie vieles andere. Freilich,“ fuhr er mit einem leichten Seufzer fort, „es ist kein gutes Vorzeichen, daß der idyllische Zustand, in den hinein wir uns versetzt haben, so rasch gestört wurde. Die ereignislosen Tage, wie sie sich in früherer Zeit so behaglich abgewickelt haben, sind eben vorüber. Brennende politische Fragen, bedeutungsvolle soziale Probleme sind zu lösen, und die Geschichte der Staaten wird vielleicht bald eingreifende Veränderungen zu verzeichnen haben. Schon jetzt, scheint es, nehmen die Verhandlungen mit Preußen einen ernsteren Charakter an, und das für morgen erwartete Regiment dürfte nicht das einzige sein, das an die Grenze gezogen wird; ich glaube, daß man von unserer Seite eine militärische Demonstration beabsichtigt.“

Sie hatte ihm mit dem Ausdruck stiller Verzweiflung zugehört. „Aber was haben wir damit zu schaffen, Alfons?“ rief sie. „Das alles geht dich ja gar nichts mehr an!“

„Liebes Kind,“ erwiderte er mit sanftem Ernste, „den Wellenschlägen der Zeit kann sich auch der am fernsten Stehende nicht entziehen.“

Er hatte bei diesen Worten den Klingelzug ergriffen, der den Kammerdiener herbeirief. Dieser erhielt nun den Auftrag, den Verwalter in Kenntnis zu setzen, daß ihn der Freiherr sofort auf seinem Zimmer erwarte. Hierauf stiegen die beiden Gatten schweigend die Treppe nach dem ersten Stockwerke hinan. Im Vestibül trennten sie sich, wie gewöhnlich um diese Zeit, und jedes begab sich nun in seine Gemächer.

Als sich Klothilde in den ihren befand, sank sie in einen Fauteuil und überließ sich den wogenden Empfindungen, die sie bestürmten. Ja, auch in diesem reinen Herzen gab es Widersprüche; auch in dieser so ungemein glücklichen Ehe fand sich eine Untiefe, welche die junge Frau bis jetzt angstvoll vor sich selbst verheimlicht hatte und von der jetzt mit einem Mal der verhüllende Schleier weggerissen war!

So sehr Klothilde an ihrem Gatten hing, so sehr sie ihn verehrte und hochhielt: eine Seite seines Wesens gab es, über welche sie anders dachte, die sie anders empfand, als er. Das waren seine liberalen Grundsätze. Anfänglich hatte sie diese kaum begriffen und um so weniger Gewicht darauf gelegt, als ja auch der Freiherr keineswegs mit solcher Anforderung an seine junge Frau herangetreten war. Erst nach Ausbruch der Märzbewegung erhielt Klothilde deutliche Vorstellungen und Eindrücke, welche sie dem Gange der Ereignisse innerlich mehr und mehr entfremdeten. Die ersten jubelnden Umzüge mit Fahnen und Fackeln, die Uniformen der Nationalgarde, die wallenden Hutfedern der Studentenlegion schienen ihr wesenlose Maskerade, die sie oft im stillen belächelte. Doch sie verschwieg ihre Meinung, um den Gatten, der dies alles so hoch nahm, nicht zu verletzen, und um keinen Preis hätte sie gewagt, ihn etwa beeinflussen oder umstimmen zu wollen, selbst dann nicht, als sie später den furchtbaren Ernst jener Tage erkannte und schaudernd miterlebte. Aber so kam es auch, daß sie die siegreich einziehenden Truppen mit ganz anderen Empfindungen begrüßte als der Freiherr, und daß ihr Blick dankbar und mit stillem Wohlgefallen auf den kräftigen Gestalten, den wettergebräunten Zügen der Marssöhne ruhte, die jetzt alle Plätze und Straßen der Stadt so reich belebten. Wie oft wurde sie, die früher, gleich den meisten Mädchen und Frauen Wiens, vor jeder Uniform eine eigentümliche, oft verletzend sich kundgebende Scheu empfunden hatte, durch vernehmbares Säbelgeklirr ans Fenster gelockt, um sofort, tief errötend, vor den flammenden Blicken vorübergehender Offiziere wieder zurückzutreten. Und da hatte sie auch, zum erstenmal in ihrer Ehe, die Entdeckung gemacht, daß sie ein empfängliches Herz besitze, daß sie dieses Herz aufs strengste überwachen müsse. Sie fühlte, daß sie bereits auf dem Wege war, ihrem Gatten in Gedanken untreu zu werden, und deshalb hatte sie auch diesmal das Schloß und seine Abgeschiedenheit doppelt freudig begrüßt. Ja, hier in dieser seligen Stille, bei ihrer Staffelei, bei ihren Büchern, von hehren Tönen umrauscht, konnte ihr nichts Verwirrendes nahen, konnte sie niemals sich selbst, niemals ihrer Pflicht untreu werden! Und nun war die Gefahr plötzlich so nahe — so entsetzlich nahe gerückt!