VI.
Als jetzt Klothilde, ohne zu wissen wie, bei dem Tirolerhause angelangt war, sank sie auf die Bank neben der Tür und blickte starr und ausdruckslos vor sich hin. Was war denn vorgegangen?! Sie mußte sich erst darauf besinnen — und nun schlug sie, laut aufstöhnend, die Hände vor das Antlitz. „Mein Gott! Mein Gott!“ Was sie geahnt, wovor sie gezittert, war eingetroffen. Eingetroffen in dem Augenblick, wo sie sich bereits gerettet und geborgen glaubte! Vollzogen hatte es sich plötzlich, ohne Widerstand von ihrer Seite! Willenlos hatte sie in den Armen des Grafen gelegen — und nur mehr eines Haares Breite hatte sie von dem Abgrund getrennt, in den sie als Ehebrecherin unrettbar versunken wäre! Und war sie es denn eigentlich nicht schon? Ein anderer, als ihr Gatte, hatte sie verlangend an sich gezogen, hatte sie — sie schauderte auf — du genannt, hatte mit brennenden Lippen ihrem Scheitel ein Mal aufgedrückt. Wie sollte sie jetzt dem Freiherrn entgegentreten — entweiht, gebrandmarkt! Und nicht der begehrliche Mann mit den dunklen Augen war an dem allen schuld — nein, nur sie, sie ganz allein in ihrer entsetzlichen Schwäche und Hilflosigkeit! Jede andere Frau an ihrer Stelle und unter solchen Umständen würde den Versucher abgewiesen — ihn wenigstens zum Scheine zurückgestoßen haben! Und sie — sie hatte nicht einmal ein Wort der Zurechtweisung, geschweige denn ein gebieterisches der Abwehr gefunden. Und wenn er morgen wieder an sie herantrat, fehlte ihr gewiß wieder die Kraft! O, was für ein Weib war sie!? Welch ein verächtliches Geschöpf! Welch unerhört feige, erbärmliche Natur! Nicht wert, daß sie die Sonne beschien, deren goldige Lichter vor ihr auf der Wiese glänzten und funkelten!
Sie sprang auf und eilte in die Zimmer empor. Dort schloß sie rasch die nach dem äußeren Gang offene Tür, schloß alle Fensterläden. Nun war es dunkel um sie her; nur die Gegenstände, deren Anblick sie noch vor einer Stunde so glücklich gemacht, dämmerten in gespenstischen Umrissen auf. Auch das konnte sie nicht ertragen; sie sank auf den harten Sitz an der Wand und schloß die Augen. Nun war es finster und still wie im Grabe. O, läge sie darin!
Aber wurden jetzt nicht von unten herauf Tritte vernehmbar? Klangen sie nicht schon auf der Treppe? Das war ihr Gatte! Ihr Herz stand still — und doch nicht so still, wie sie es gewünscht hätte.
Der Freiherr hatte leicht an der Klinke gedrückt und fragte mit halber Stimme durch die Spalte herein: „Bist du hier, Klothilde?“
Sie regte sich nicht.
Nun hatte er die Tür ganz geöffnet und sah bei dem Lichtschein, der von draußen hineinfiel, wie sie lang ausgestreckt dasaß, totenbleich, mit zurückgesunkenem Haupte.
„Klothilde!“ rief er, erschrocken auf sie zueilend. „Was ist dir? Mein Gott, was ist geschehen —?“
Sie gab noch immer keinen Laut von sich.
Er befühlte ihre Stirn, faßte ihre kalte, leblose Hand. „Klothilde,“ wiederholte er, aufs äußerste beängstigt, „was ist dir?“