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Währenddessen hatte Klothilde auf dem Ruhebett ihres durch geschlossene Jalousien verdüsterten Zimmers gelegen. „Ich muß dich nun für einige Zeit dir selbst überlassen“, hatte der Freiherr zu ihr gesagt, als er sich zu Tisch hinunter begab. „Vielleicht ist es dir erwünscht. Ängstige dich nicht, es wird alles gut werden.“
Aber kaum allein, empfand sie sofort wieder aufs tiefste, daß es nie und nimmer gut werden könne. Einen Augenblick zwar hatte sie bei den milden, zärtlichen Tröstungen ihres Gatten aufgeatmet; einen Augenblick war das Leben, sonnenhell wie früher, aus der dunklen Nacht der Verzweiflung, die sie umgab, aufgetaucht — jetzt aber versank es wieder. Sie fühlte, daß etwas in ihr gebrochen und vernichtet war, das nicht wieder hergestellt werden konnte. Ja, die klare Ruhe, der heitere Frieden ihrer Seele war verloren — verloren für immer. Was frommte es, daß ihr Gatte entschuldigte und verzieh, was sie sich selbst niemals würde verzeihen können? Der heutige Tag ließ sich in ihrem Gedächtnisse nicht auslöschen. Seit jeher hatte sie nur in ganz reiner Lebensluft zu atmen vermocht; die leiseste Trübung drohte sie zu ersticken. Schon von klein auf war sie so gewesen. Ein geringes Versehen, das sie sich zu schulden kommen ließ, ein noch so sanfter Tadel ihres Vaters — die Mutter hatte sie schon sehr früh durch den Tod verloren — oder von seiten ihrer Lehrer erfüllte sie mit solchen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, daß sie oft wochenlang aus kindlichem Gram und Kummer nicht herauskam. Mit welch ängstlicher Scheu war sie als Mädchen und später als Frau allem aus dem Wege gegangen, was sie in Gefahr und Versuchung hätte bringen können; eine innere Stimme sagte ihr, daß ihr die Kraft des Widerstandes fehle. Daher galt sie auch in der Gesellschaft für geistig beschränkt, und trotz ihrer Schönheit trat niemand näher an sie heran; denn ihre hilflose Zurückhaltung flößte weit eher Mitleid als Interesse ein. Darum liebte sie so die Stille und Zurückgezogenheit; da konnte sie ihr Wesen frei und furchtlos entfalten, da konnte sie gedeihen; — Verwickelungen und Konflikten, das fühlte sie, war sie nicht gewachsen — sie brachten ihr den Tod ...
Sie schauerte. Wie kalt war es im Zimmer trotz des heißen Sommertages! Sie breitete eine leichte Decke über sich und schloß die Augen. Und wie sie jetzt so dalag, überkam sie ein eigentümlicher Zustand. Es wurde ihr so weh zumute — und doch wieder so wohl. Gerade wie beim Beginn einer schweren Krankheit, wo die Welt in vagen Umrissen zu verdämmern beginnt — wo alles Nahe in immer weitere Ferne gerückt wird. Nur manchmal durchzuckte ein namenloser Schmerz ihre Brust. Denn da dachte sie ihres edlen Gatten, der glücklichen Jahre, die sie mit ihm verlebt hatte — dachte an den schönen stillen Park, an das Tirolerhaus — an ihre Landschaft — ihre geliebten Bücher ...
Sie zog die Decke höher hinauf. Ein seltsamer, dumpfer Druck, den sie schon in den letzten Tagen hin und wieder empfunden hatte, lastete jetzt schwer auf ihrer Stirn, und indem sie die Augen schloß, versank sie in einen lähmenden Halbschlaf, der sie mit verworrenen Traumgesichten umgaukelte. Es war nichts Ungeheuerliches, nichts eigentlich Beängstigendes. Die verschiedenartigsten Gestalten tauchten auf und verschwanden wieder oder gingen eine in die andere über. Sie sah ihren Vater, sah ihre Mutter, von der sie sich sonst kein recht deutliches Bild mehr machen konnte; sie sah sich selbst als ganz kleines Mädchen mit einem Geburtstagsstrauß in der Hand; ihren Gatten als ganz jungen Mann in einem grünen Frack mit gelben Knöpfen, wie er auf einer von Daffinger gemalten Miniatur dargestellt war; sah den Grafen auf einem Feuer sprühenden Pferde, ihr Kammermädchen mit dem Aussehen einer alten Magd in ihrem elterlichen Hause — einen langen Zug von Reitern auf schwarzen, seltsam beflorten Rossen ...
Jetzt schrak sie auf. Ihr Gatte, der über sie gebeugt stand, hatte sie sanft auf die Stirn geküßt. „Du hast geschlummert?“ fragte er leise.
„Ja — es scheint“, erwiderte sie, während ihr neuerdings die ganze Wucht ihres Elends fühlbar wurde.
Und nun teilte er ihr mit, was sich zugetragen. Er hatte gehofft, sie würde dabei immer leichter, immer freier aufatmen. Aber sie hauchte nur tonlos: „Mein Gott! Mein Gott! Dieser eine Tag!“
„Ja,“ sagte er erschüttert und zugleich beruhigend, „es ist traurig, daß alles menschliche Glück und Unglück zuletzt meistens nur von solchen Schickungen abhängt. Doch tröste dich: es ist jetzt alles vorbei.“
Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte; aber das Herz lag ihr wie Eis in der Brust.