VIII.
Am folgenden Nachmittag saß der Freiherr am Schreibtisch und richtete folgenden Brief an Frau Charlotte Nespern in Wien:
„Ich schreibe Ihnen in größter Beängstigung, liebe Tante Lotti! Meine teure Klothilde, die sich schon gestern unwohl gefühlt, ist heute in den frühen Morgenstunden von einem Schüttelfroste befallen worden, in welchem ich sofort den Vorboten einer ernstlichen Erkrankung vermutete. Dennoch unterließ ich es, auf ihre Einsprache hin, nach einem Arzt zu schicken, denn der Anfall ging vorüber, und nur eine gewisse Abspannung war zurückgeblieben, die Klothilde bewog, im Bette zu bleiben, wo sie auch späterhin in einen, wie es schien, ruhigen und erquickenden Schlaf verfiel. Aber gegen Mittag erwachte sie unter erneuten Fiebererscheinungen — und nun zögerte ich keinen Augenblick, nach dem Doktor zu senden, der aber, wie das schon zu gehen pflegt, nicht anzutreffen war, da er sich zu einem Kranken außerhalb der Ortschaft begeben hatte. Es konnte nur der Auftrag hinterlassen werden, daß er nach seiner Rückkunft sogleich im Schlosse erscheine. Bis jetzt (vier Uhr) ist er noch nicht da — und ich fange bereits an, die Minuten zu zählen; denn das Fieber ist im Zunehmen begriffen, und die geliebte Kranke, obgleich sie nicht darüber klagt, scheint an den quälendsten Kopfschmerzen zu leiden. In dieser verzweifelten Gemütslage schließe ich meinen Brief mit der innigen Bitte, wenn es Ihnen die Umstände nicht ganz und gar unmöglich machen, so eilen Sie hierher und stehen in voraussichtlich schwerer Zeit bei Ihrer Sie zärtlich liebenden Nichte und Ihrem treu ergebenen
Günthersheim.“
Der Freiherr hatte das Schreiben hastig fertiggestellt und dann durch einen Diener eilends zur Post bringen lassen. Es gab damals noch keine Telegraphenverbindungen, auch keine Eisenbahnen, die von den Hauptlinien abzweigten, und so mußten wenigstens vier Tage verstreichen, eh’ die sehnlich Herbeigewünschte eintreffen konnte. Der besorgte Gatte begann den Zustand der völligen Verlassenheit, in welchem er sich jetzt mit der Kranken befand, aufs tiefste zu empfinden.
Nunmehr aber wurde das Erscheinen des Arztes gemeldet. Der Freiherr ging ihm rasch entgegen und führte ihn in das Zimmer, wo Klothilde lag, das Antlitz erhitzt, die Stirn mit einem kühlenden Umschlag bedeckt.
Der Doktor, ein hoher Fünfziger mit stark gerötetem pockennarbigen Gesicht, trat auf seinen Stock gestützt — denn er hatte ein lahmes Bein — mit einer plumpen Verbeugung an das Bett und betrachtete sie aufmerksam. Dann entfernte er den kalten Bausch und befühlte die Stirn. „Diese Umschläge nützen nichts — Eis! Eis!“ Er setzte sich auf einen Stuhl und prüfte den Puls der Kranken, an die er einige kurze Fragen richtete.
„Hm“ — machte er nach einer Pause. „Ich werde eine Kleinigkeit verschreiben.“ Damit erhob er sich und hinkte schwerfällig aus dem Zimmer.
Der Freiherr war ihm gefolgt und fragte jetzt ängstlich: „Nun, lieber Doktor — nun?“
„Cerebrales Fieber“, erwiderte dieser trocken, indem er sich nach Schreibzeug umsah.