„Konvulsivischer Anfall!“ rief der Doktor. „Ein so akuter Verlauf ist mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Sobald einige Beruhigung eintritt, werde ich sofort einen Veneneinschnitt applizieren. — Aber jetzt, Exzellenz, ist es Zeit, daß Sie nach dem Geistlichen schicken.“
Der Freiherr zuckte zusammen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Dem Geiste seiner Zeit gemäß war er kein Ungläubiger; auf religiöse Gebräuche und Feierlichkeiten jedoch hatte er, sowie seine Gemahlin, die ihre stille Andacht am liebsten in der kleinen, im Erdgeschoß gelegenen Schloßkapelle verrichtete, seit jeher nur wenig Gewicht gelegt. Jetzt aber sollte Klothilde mit den Sterbesakramenten versehen werden, und die tiefernste Bedeutung des Augenblickes fiel ihm erschütternd auf die Seele.
Es traf sich, daß der Ortspfarrer, der durch einen Diener in Kenntnis gesetzt wurde, seit einigen Tagen selbst unwohl war und daher seinen Kooperator entsenden mußte; dieser erschien auch in kurzer Zeit.
Der Freiherr war ihm die Treppe hinunter entgegengegangen und befand sich einem ganz jungen Geistlichen gegenüber, der erst vor kurzem aus dem Alumnat getreten sein konnte. Eine schmächtige, hoch aufgeschossene Gestalt mit blonden Haaren und einem zarten, fast mädchenhaften Gesicht, das Befangenheit und Verlegenheit ausdrückte. Als ihm jetzt der Freiherr mit zitternder Stimme auseinandersetzte, wie so ganz unvorhergesehen und rasch der traurige Fall eingetreten — und daß die Kranke bewußtlos sei, erwiderte er, hoch errötend: „O, ich verstehe — ich verstehe — ich werde die heilige Handlung so rasch wie möglich vornehmen.“
Die Augen zu Boden gesenkt, betrat er das matt erhellte Zimmer und erhob den Blick erst, als er dicht vor der Kranken stand, bei welcher der Doktor inzwischen eine leichte Blutentziehung angewendet hatte. Mit bebender Stimme und bebender Hand nahm er, während die anderen in dem Hintergrunde des Zimmers knieten, die Zeremonie der letzten Ölung vor; er wagte dabei kaum das regungslose, bleiche junge Weib anzusehen, und es glich einer Flucht, als er nach einem kurzen Gebet das Zimmer verließ.
Der Freiherr war ihm nachgeeilt und ergriff draußen dankend seine Hand: „Gott schütze Sie!“ murmelte der Priester, hastig abwehrend, und entfernte sich mit dem Meßner, der jetzt im Hofe sein Glöckchen erklingen ließ.
Als der Freiherr zurückkehrte, fand er den Doktor am Bett, trübselig das Haupt gesenkt. Beide blickten nun schweigend auf Klothilde, aus deren schönem Antlitz die Verzerrung verschwunden war. Aber sie hatte die Augen geschlossen und atmete hastig und stoßweise.
„Doktor!?“ flehte leise der Freiherr.
Der andere schüttelte mutlos den Kopf. „Collapsus!“ sagte er leise.
„So muß ich mich auf das äußerste gefaßt machen?“