Mit dem ersten Abdruck des Anfanges der vorigen Novelle sendet der Dichter am 10. September 1887 aus Schloß Oslavan bei Eibenschütz auch das Brouillon der unsrigen an die Fürstin Marie zu Hohenlohe, die er vorher im intimsten Kreise der Fürstin Salm zu Blansko vorgelesen hatte und für die er sich das strengste Geheimnis erbittet. Wenn er von dem Manuskript schreibt, daß es von Unschönheiten und Unrichtigkeiten, was Sprache und Ausdruck betreffe, wimmle, so läßt sich das wohl mit der im Nachlaß befindlichen Handschrift in Einklang bringen. Später hat der Dichter über die Entstehungszeit unserer Novelle, wie so oft, widersprechende Angaben gemacht. Nach seinem Bericht an Stefan Milow soll sie 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim 1886 bereits erschienen sein. Mir ist kein früherer Druck bekannt geworden, als der vom Herbst 1888 in den „Schicksalen“ (1889, Seite 127-193), für den die Vorlage die noch vorhandene Handschrift bildete, die schon durch die Paginierung als ein Mittelstück erkennbar ist und deren Text während des Druckes noch manche Abänderungen erfahren hat. In der zweibändigen Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 83-127) ist die Chiffre G... in Graz aufgelöst, sonst aber nur wenig mehr geändert worden; die zweite Auflage der „Schicksale“ (o. J., 1897) beruht auf demselben Satz wie diese Ausgabe. In der zweiten Auflage der „Novellen aus Österreich“ 1904 (a. a. O.) ist überhaupt nur mehr die Orthographie und die Interpunktion modernisiert worden.

I.

Die Saison in dem kleinen Kurorte, wo ich auf Anraten des Arztes das „kalte Wasser“ gebraucht hatte, ging zu Ende. Die defekten Menschenexemplare, welche sich hoffnungs- und vertrauensselig hier zusammengefunden: ältere Standespersonen mit eingewurzelten Übeln, jüngere Lebemänner mit verdorbenen Säften, blutarme, an den Nerven leidende Damen — und endlich solche, die in dem anmutigen Tale bloß die Sommerfrische samt allerlei geselligen Zerstreuungen genießen wollten, waren nach und nach abgezogen. Selbst die letzten Kurgäste, die außer mir, der ziemlich spät eingetroffen war, noch am längsten ausgehalten: ein mürrischer Finanzrat, der von heftigen Kongestionen geplagt wurde und beständig ohne Kopfbedeckung, zu gewissen Stunden auch ohne Fußbekleidung umherging; eine etwas zweifelhafte Dame aus Wien, die mit einer höchst auffallenden Toilette die Reste einstmaliger Schönheit zur Schau trug; ein alter Geck und Bade-Habitué, der ihr den Hof machte — und last, not least ein interessanter, am Rückenmarke leidender Schöngeist, welcher in seinem Rollwägelchen der Gegenstand des allgemeinen weiblichen Mitleids gewesen war, mich aber durch unausgesetzte literarische Gespräche zur Verzweiflung gebracht hatte: auch diese vier Standhaften ergriffen jetzt infolge des plötzlich eingetretenen rauhen Herbstwetters, dem sich sogar ein tüchtiger Schneefall beigesellte, einhellig die Flucht — und ich blieb allein zurück. Zwar wurde mir nunmehr das Kurhaus sozusagen vor der Nase gesperrt, denn der ärztliche Leiter der Anstalt hatte schon längst alle Vorbereitungen getroffen, um seine winterliche Praxis in der Landeshauptstadt wieder aufzunehmen. Aber das kümmerte mich wenig. Ich hatte genug „Abreibungen“ und „Einpackungen“ genossen, infolge deren ich mich, um die Wahrheit zu bekennen, auch sehr wohl fühlte, und da mir die Gegend gefiel, so beschloß ich, noch einige Zeit zu verweilen, — ein Vorhaben, das von dem Besitzer des Gasthofes zu den „Drei Monarchen“, wo ich untergebracht war, mit großer Anerkennung begrüßt wurde; blieb ihm doch jetzt wenigstens ein Mensch erhalten, dem er die Rechnung nach dem üblichen Badetarif stellen konnte.

Zudem war, wie ich vorausgesehen, den verfrühten Vorboten des Winters das herrlichste Wetter, ein wahrer Nachsommer, gefolgt. Klar und blau spannte sich der Himmel aus, die Bergeshäupter schimmerten im milden Sonnenglanze, und linde Wärme breitete sich über Flur und Wald, welch letzterer in seinem bunten Schmuck an die Worte des Dichters erinnerte:

„Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,

Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln!“

Welch ein Genuß war es jetzt, in sicherer Einsamkeit zwischen den hohen Buchen und Fichten dahin zu wandeln! Wie lohnend, eine Anhöhe zu ersteigen, auf den malerisch gelegenen Ort hinab- und in die weite Gebirgsferne hineinzublicken, ohne durch Ausbrüche landläufigen Entzückens gestört zu werden! Wie angenehm, auf der Terrasse des Gasthofes zu frühstücken und statt nachbarlichen Tassen- und Löffelgeklappers samt obligatem Badeklatsch bloß das Rauschen des Flusses zu vernehmen, der sich unten silberhell durch grüne Triften schlängelte! Es war eben, als trete erst jetzt die ganze Landschaft in voller, ungetrübter Schönheit hervor. Selbst mein Zimmer, das mir früher wie die Abteilung eines Taubenschlages vorgekommen, heimelte mich, seit das Haus leer geworden, ganz wohnlich an. Um es recht bequem zu haben, mietete ich noch ein anstoßendes kleineres dazu — und so befand ich mich endlich wieder in dem behaglichen Zustande tätigen Alleinseins, der mir im Leben stets der erwünschteste gewesen ist.

Eines späten Nachmittags — ich pflegte um diese Zeit zu essen — saß ich, bei Kaffee und Zigarre angelangt, im Speisezimmer des Gasthofes und vertiefte mich in die Zeitungen, welche eben mit der Post eingetroffen waren. Die Hängelampe über dem Billard, das in der Mitte des Raumes stand, war bereits angezündet, und eine trauliche Stille herrschte, die nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn draußen in der Schankstube, wo einige harmlose Kleinbürger in ziemlich schweigsamer Geselligkeit beisammen saßen, ein frisches Glas begehrt und gefüllt wurde. Plötzlich waren von dort her Schritte eines Eintretenden zu vernehmen — und gleich darauf eine überlaute, schnarrende Stimme.

„Ha! Ha! Noch immer die alte Gesellschaft beisammen! Grüß Gott, Herr Schreinermeister! Und auch Sie, Herr Lederermeister! Willkommen, Herr Gamilschegg! (Das war der Krämer des Ortes.) Freut mich, Sie alle wieder zu sehen!“

Der Sprecher schien kein Gewicht darauf zu legen, daß diese Begrüßung offenbar sehr kleinlaut erwidert wurde, und fuhr fort: