„Auch die hübsche Cilli noch hier! (Das galt dem Schenkmädchen, welches nebenbei die Dienste einer Kellnerin verrichtete.) Also noch immer nicht verheiratet? Und auch an Kurmachern wird es mangeln, seit die Kurgäste fort sind. (Er belachte das Wortspiel sehr laut und selbstgefällig.) Am Ende werd’ ich alter Knabe doch noch aushelfen müssen! Oder sollte gar Ihre Frau Ursache zur Eifersucht haben, Herr Matzenoër? (Damit war der Hotelwirt gemeint, der eigentlich Matzenauer hieß; aber der Ankömmling schien den Diphthong au bisweilen wie o auszusprechen.) Ich will nicht hoffen! — Und wie sieht es denn da drinnen aus? Gewiß auch noch alles auf demselben Fleck!“
Schwere, schlurfende Tritte näherten sich der offenen Tür, die in das Speisezimmer führte, und die robuste, breitschulterige Gestalt eines Mannes zeigte sich, der auf der Schwelle stehen blieb und weit vor sich hin ausspuckte.
Er mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sein fleischiges, gerötetes Gesicht, das buschige Brauen, stark entwickelte Backenknochen und eine plump geschwungene Nase aufwies, war von einem teilweise ergrauten Barte, einem sogenannten collier grec eingerahmt. Auf dem Kopfe saß ihm, schief und zerknüllt, eine phantastische Reisemütze; ein langer Überwurf mit Pelzkragen stand vorne offen und ließ abgetragene, nicht allzu reinlich gehaltene Unterkleider, aber auch eine große Busennadel aus Brillanten und eine massive goldene Uhrkette sehen. In der kurzfingerigen, mit Ringen überladenen Hand hielt er eine ungeheure Zigarrenspitze aus Bernstein, an welcher er pustend sog, die Füße steckten in weiten Stiefeln mit Tuchbesatz. Die ganze Erscheinung hatte etwas Groteskes und dabei Fremdartiges; der Mann sah aus wie ein Armenier oder Bulgare.
Er räusperte sich und spuckte noch einmal, dann trat er ein. Als er jetzt meiner ansichtig wurde — ich saß ziemlich abseits — stutzte er, grüßte jedoch nicht, obgleich er mich, während er langsam das Billard umschritt, mit einem lauernden Seitenblick im Auge behielt. Dann ließ er sich in einiger Entfernung von mir auf einen Stuhl nieder und starrte mich an. Diese Musterung wurde mir unangenehm; ich kehrte mich zur Seite.
Nunmehr erhob er sich wieder, langte ein illustriertes Journal herab, das im Halter an der Wand hing, und begann, nachdem er einen Nasenklemmer aufgesetzt, mit dem Rücken an das Billard gelehnt, die Bilder zu betrachten. Nach und nach vertiefte er sich auch in den Text. Er bewegte dabei nach Art mancher alten Leute die Lippen, gleichsam jedes Wort im stillen nachsprechend. Allmählich aber gab er auch ein Geräusch von sich. Zuerst war es ein dumpfes Gemurmel, dann ein vernehmbares Buchstabieren — endlich fing er, gewissermaßen in Fluß kommend, mit lauter Stimme zu lesen an. Erst jetzt erkannte ich an der eigentümlich singenden und gezogenen Aussprache den Juden. Seiner Redeweise mit anderen, die im ganzen etwas Weltläufiges hatte, konnte dies nicht entnommen werden; nun aber, da er sich selbst überlassen war, traten die spezifischen Merkmale hervor. Dabei hatte seine Stimme, obwohl sie eines gewissen sonoren Klanges nicht entbehrte, doch etwas so unangenehm Lautes und Eindringendes, daß es mir durch Mark und Bein ging und alle Nerven in Aufregung brachte. Ich konnte nicht länger an mich halten und rief: „Mein Herr, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie nicht allein sind!“
Er schrak zusammen und blickte mich mit offenem Munde an. Dann lüftete er mit demütiger Gebärde die Mütze und stammelte: „Entschuldigen Sie.“ Aber gleich darauf nahm er eine vornehme Haltung an und sagte herablassend: „Ist Ihnen vielleicht die Zeitung gefällig?“
„Danke. Ich habe das Blatt schon gelesen.“ Damit drehte ich ihm den Rücken.
Ich vernahm, wie er das Journal beiseite legte, ein paarmal, wie unschlüssig, am Billard hin und her ging — dann einen Seufzer ausstieß und behutsam aus dem Zimmer schlich, so zwar, daß es mich schon gereute, ihn derart angelassen zu haben.
Aber draußen in der Schankstube stimmte er sofort wieder seinen lautesten, jovialsten Ton an. „Nun, Herr Matzenoër, wie steht’s mit dem Abendessen? Gibt es Forellen?“
„Leider nicht, Herr von Hirsch. Wie sollte ich jetzt —“