„Ja, das weiß ich nicht. Etwa in acht Tagen.“

„Wo haben Sie ihn denn untergebracht?“

„Auf Nummer 5.“

„Was? So nahe bei mir?“

„Es war ohnehin meine Absicht, ihn auf Nummer 12 zu geben; aber er wollte durchaus sein früheres Zimmer haben.“

„Sein früheres Zimmer?“

„Er ist ja ein alter Bekannter. Vor zwei Monaten hat er hier die Kur gebraucht; gerade als Sie eintrafen, zog er ab. Wo er sich inzwischen aufgehalten, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich in Graz. Wenigstens ist er jetzt von dort gekommen. Aber entschuldigen Sie, ich muß nach der Küche sehen.“

Damit ging Herr Matzenauer lächelnd ab und ließ mich in recht übler Laune zurück. Denn dieser unvermutete Gast legte mir unter allen Umständen einen gewissen nachbarlichen Verkehr auf, der mich um so mehr aus meiner glücklichen Ruhe und Stimmung zu bringen drohte, als der neue Ankömmling eben kein besonders angenehmer Mann war. Endlich erhob ich mich und ging auf mein Zimmer. Dort zündete ich die Lampe an und nahm ein Buch zur Hand. Aber mit dem Lesen ging es nicht; meine Gedanken schweiften beständig zu diesem Herrn Hirsch hinüber, den ich auch ganz deutlich in seinem Zimmer rumoren hörte; wahrscheinlich packte er seine Koffer aus. Und dabei erkannte ich neuerdings, wie dünn die Wände waren und erinnerte mich, was ich schon früher unter den verschiedenartigen Geräuschen gelitten hatte, die von allen Seiten zu mir herübergedrungen waren. In gelinder Verzweiflung trat ich ans Fenster und blickte hinaus, um zu sehen, ob nicht wenigstens für heute ein abendlicher Spaziergang möglich sei. Pfadlose Dunkelheit lag über der Gegend; ich war also ein Gefangener. Da fiel mir ein, daß ich einige notwendige Briefe zu schreiben habe, ein Geschäft, das ich schon ungebührlich lange hinausgeschoben. Zu derlei kann man sich zwingen — und ich zwang mich. Als ich mich an den Schreibtisch setzte, verließ mein Nachbar das Zimmer und stapfte die Treppe hinunter. Nun hatte ich Luft — und bald war ich derart in meinen Gegenstand vertieft, daß ich mich erst wieder auf die Umstände besinnen mußte, als nach etwa zwei Stunden Herr Hirsch, von unserem Wirte geleitet, zurückkehrte.

„Also gute Nacht, Herr Matzenoër!“ rief er. „Eigentlich wär’ es die Pflicht der Cilli gewesen, mir heraufzuleuchten — aber Sie sind ein vorsichtiger Mann!“ Dabei gab er eine dröhnende Lachsalve von sich.

Herr Matzenauer empfahl sich. Herr Hirsch aber schritt im Zimmer auf und ab, wobei er polternd einige Gegenstände zurecht schob. Hierauf begann er eine Arie aus Norma zu pfeifen und in allen Tonarten zu singen. Endlich trat einige Ruhe ein, und ich glaubte zu erkennen, daß er anfing, sich zu entkleiden; wirklich fielen nach einer Weile seine schweren Stiefel mit dumpfem Schall zu Boden. Bald nachher folgte ein lautes, langgedehntes „Ah!“ des Behagens, ein Zeichen, daß er sich im Bett ausgestreckt habe. Rasch entschlossen, bereitete auch ich mich zur Nachtruhe, schlüpfte unter die Decke und blies das Licht aus. Schon lag ich in halbem Schlafe, als ich plötzlich durch ein entsetzliches Röcheln aufgeschreckt wurde; es war, als würde nebenan jemand erdrosselt. Sollte dem alten Mann etwas zugestoßen sein? — und schon wollte ich aus dem Bette springen. Aber meine Angst war grundlos. Denn ich hatte bald erkannt, daß jenes Röcheln nur das Präludium eines so kräftigen Schnarchens gewesen, wie ich es im Leben niemals vernommen. In allen Modulationen erklang es: bald wie der ruckweise, gleichmäßige Gang einer Sägemühle, bald in zitternden, gequetschten Gurgel- und Nasenlauten — bald mit so furchtbarem, langgezogenem Gerassel, als wollte es das stille, nachtschlafende Haus in seinen Grundfesten erschüttern.