Ich wollte ihn nicht verletzen und nahm ein bißchen von dem großkörnigen Roggen, der in der Tat vortrefflich war.
„Sie sind ein Feinschmecker“, sagte ich.
„Ja, das ist meine Schwäche — meine einzige Schwäche. Wenn Sie so lange leben, wie ich, werden Sie gleichfalls dahinter kommen, daß ein guter Bissen der reellste Genuß ist. Und ich kann’s vertragen. Meine Verdauung läßt nichts zu wünschen übrig. Für wie alt halten Sie mich?“
„Etwa sechzig —“
„Fehlgeschossen! Weit fehlgeschossen! Siebzig, sage ich Ihnen, siebzig! Zweiundsiebzig! Ja, man sieht es mir nicht an. Ein wenig Gicht in den Beinen — im übrigen bin ich vollkommen gesund und nehme es noch mit manchem Jungen auf. — Aber nun raten Sie, was ich mir nach dem Kaviar bestellt habe?“
„Nun, was denn?“
„Wildschwein! Köstliches Wildschwein, das ein benachbarter Förster in die Küche geliefert hat. Es ist jetzt gerade die Zeit. Sie sehen mich an? Sie lachen? Sie wundern sich, daß ich als Jude derlei esse.“
„Daran habe ich gar nicht gedacht.“
„Sie haben! Sie haben! Aber Sie sehen keinen Orthodoxen vor sich — obgleich ich in Galizien unter solchen aufgewachsen bin. Ich war seit jeher ein Freidenker, ein Aufgeklärter, und habe deswegen in früherer Zeit — jetzt ist es freilich ganz anders — manches Ärgernis erregt. Und nun gar bei meiner Frau! Die war — Gott lasse sie ruhen — in solchen Dingen von einer Strenge — eine wahre Chassidim! Etwas zu genießen, was gegen die Speisegesetze verstieß, erschien ihr als das größte Verbrechen. Seligmann, sagte sie oft zu mir, wenn ich in dieser Hinsicht gesündigt hatte, Seligmann — so heiße ich nämlich — du bist ein Abtrünniger! Und erst am Sabbat! Da hatt’ ich meine Not. Keine Pfeife durfte ich mir anzünden — damals rauchte man noch aus Pfeifen —, keinen Brief durfte ich schreiben — nicht einmal lesen. Aber dabei war sie eine prächtige Frau, wie man heutzutage keine mehr findet. Und von einer Schönheit! Geweint hab’ ich, geweint wie ein Kind, als man ihr am Hochzeitstag die tiefschwarzen Haare abschnitt. Welch ein Unsinn! Aber damals ging es nicht anders. Ja, das war eine Frau, meine Gittel!“ Er versank in sich und seine Augen wurden feucht.
Jetzt erschien der Eberbraten. Herr Hirsch blickte empor. „Nun? Sieht das nicht appetitlich aus? Nehmen Sie doch auch ein Stückchen!“ Und trotz meiner Einwendungen legte er mir eine Schnitte auf den Teller und fuhr, während er behaglich zu schmausen anfing, fort: „Es ist seltsam, wie sich manchmal die Dinge fügen. Ich habe eine eingefleischte Jüdin zur Frau gehabt, obgleich ich selbst, wie schon gesagt, niemals ein besonders guter Jude gewesen bin. Mein Sohn ist es viel mehr als ich — und sehen Sie, der hat wieder eine Frau, die sich ihres Judentums schämt. Sie stammt aus sehr feinem, vornehmem Hause — und gebildet ist sie — gebildet! Alle Sprachen spricht sie — und Bücher liest sie, von denen wir beide keine Ahnung haben. Aber sie ist auch eitel, sehr eitel! Alles, was in Wien irgendwie hervorragt, soll sich in ihrem Hause versammeln: Staatsmänner, Gelehrte, Künstler und Schriftsteller. Und die meisten kommen auch — obgleich man noch immer sehr gegen uns eingenommen ist — und diejenigen, die es nicht merken lassen wollen, sind es am meisten. Alle diese Leute erscheinen wohl im Salon, setzen sich auch nicht ungern an die Tafel — sobald sie aber wieder draußen sind, schütten sie sich schon auf der Treppe gegen die Juden aus. Ich weiß das. Und auch meine Schwiegertochter weiß es, obwohl sie es sich nicht eingestehen will. Daher fühlt sie sich im geheimen verstimmt, gedemütigt. Und mein Sohn liebt sie. Fabelhaft ist es, wie er sie liebt. Zehn Jahre sind sie schon verheiratet — und noch immer ist er so feurig, so voll Anbetung, wie am ersten Tage. Und sie ist nichts weniger als schön. Geist hat sie freilich — Geist und Energie. Sie wird es dahin bringen, daß sich mein Sohn taufen läßt — oder wenigstens die Kinder, damit sie nicht mehr als Hebräer in der Welt herumlaufen.“