„Und wäre Ihnen dies sehr unerwünscht?“

„Unerwünscht? Mir? Mein Gott, Sie wissen ja, daß ich kein Fanatiker bin, und schon vor Jahren hab’ ich es zum Entsetzen der Gemeinde ausgesprochen, daß uns allen schließlich nichts anderes übrig bleiben wird. — Und selbst wenn es mir nicht recht wäre, was könnt’ ich dagegen tun? Man muß seine Kinder gewähren lassen.“ Er seufzte und schob nachdenklich den Teller beiseite.

„Haben Sie mehrere Kinder?“ fragte ich nach einer Pause.

„Gehabt! Gehabt! Im ganzen waren es vier; zwei davon sind schon in früher Jugend gestorben. Nur dieser Sohn ist mir geblieben — und eine Tochter.“ Er schwieg eine Zeitlang, dann fragte er plötzlich: „Kennen Sie den König Lear von Shakespeare?“ (Er sprach Liar und Schikispir aus.)

„Ja — ich kenne das Stück.“

„Nun also, ich bin auch so ein König Liar! Doch nein,“ fuhr er mit hastiger Einschränkung fort, „Sie dürfen nicht glauben, daß meine Tochter eine Recha oder Gonowril ist — aber sie ist auch keine Ophelia. Ich will Ihnen die Sache erklären.“ Er lehnte sich weit zurück und fuhr nach einer Pause fort: „Wie Sie mich da vor sich sehen, bin ich ein armer Mann. Das heißt, wie man’s nimmt — ich habe, was ich brauche. Aber ich bin einst ein reicher, sehr reicher Mann gewesen. Und das zweimal. Das erstemal in Polen. Ich stand dort mit dem ganzen Adel in Verbindung, der meine Hilfe in Anspruch nahm, wenn er sich in Verlegenheit befand. Und da war ich zu gutmütig; ich konnte nichts abschlagen — und so verlor ich fast mein ganzes Vermögen. Mit dem Rest ging ich samt den Kindern — meine Frau war inzwischen gestorben — nach Wien. Sie können sich keinen Begriff machen, wie schwer es damals für unsereinen war, dort Fuß zu fassen. Aber es gelang mir. Ich knüpfte nach und nach Geschäftsverbindungen an — und wurde wieder der reiche Hirsch. Mit der Zeit war meine Sarah — das ist die Tochter — mannbar geworden. Eine Schönheit, sag’ ich Ihnen! Freilich ganz anders als die Mutter — aber eine Schönheit. Die heutigen Maler, die immer nur Weiber mit roten Haaren malen, würden sich um sie gerissen haben. Gefärbtes Haar kommt jetzt sehr häufig vor; aber das ihre war von Natur rotes Gold, und aufgelöst, fiel es wie eine Schleppe zu Boden. Nun besaß ich einen Geschäftsfreund, der hieß Mandel — ein sehr wohlhabender Mann, wohlhabender als ich. Der hatte einen Sohn, und dieser verliebte sich natürlich sofort in die Sarah. Eines Tages kommt der alte Mandel zu mir und sagt: ‚Hören Sie, Hirsch, geben Sie Ihre Tochter meinem Sohn. Ich werde ihm kaufen ein Gut in Ungarn — das war schon nach dem Jahre Achtundvierzig — und Ihre Sarah kann werden eine Schloßfrau.‘ Ich sagte nicht ja, ich sagte nicht nein. Die Partie war gut, sehr gut — aber der junge Mandel gefiel mir nicht. Er war mir zu unansehnlich, zu häßlich — mit Respekt zu melden, eine wahre Vogelscheuche. Ich rief mir also die Sarah und sagte: ‚Sarah, sagt’ ich, der junge Mandel hat um dich geworben. Ich rede dir nicht zu. Nimmst du ihn, so nimmst du ihn, wenn nicht, nicht.‘ Nun hatte ich erwartet, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und aus dem Zimmer laufen würde. Aber nichts da! Sie erwiderte ganz ruhig: ‚Warum soll ich den jungen Mandel nicht nehmen, Vater? Ich nehm’ ihn.‘ Bald darauf war Hochzeit, eine glänzende Hochzeit. Ich aber drückte mich dabei in ein Nebenzimmer, denn ich schämte mich, daß meine Tochter einen solchen Untham zum Mann genommen, während die andern glaubten, ich hätte mich zurückgezogen, um im stillen Freudentränen zu vergießen wegen der reichen Heirat. Und so haben mich die Menschen niemals verstanden — niemals!“ Er riß bei diesen Worten mit heftiger Armbewegung eine Zigarrendose aus der Brusttasche und schickte sich zu rauchen an.

Nachdem er einige mächtige Wolken von sich geblasen, fuhr er fort: „Mit dieser Hochzeit begann wieder mein Unglück. Denn bald darauf erlitt ich Verluste — ungeheure Verluste. Die Börse! Die Börse! Was sollte ich beginnen? Ich war ein Bettler und schämte mich, auf die Straße zu gehen. Mein Sohn, der nun für sich selbst sorgen mußte, trat, obgleich er eben die Jura absolviert hatte, in ein Wollgeschäft — und ich, — nun, ich begab mich zu meiner Tochter nach Ungarn. Empfangen haben sie mich dort sehr anständig — sehr, das muß ich sagen. Aber es dauerte nicht lange, so nahm die Sache eine schiefe Wendung. Ich bin seit jeher ein tätiger Mann gewesen und kann nirgends so ganz müßig zusehen. Ich wollte daher meinem Schwiegersohne bei Verwaltung des Gutes an die Hand gehen; denn ich hatte in Polen allerlei Einblicke in die Landwirtschaft bekommen. Meine Tochter aber legte sich sofort ins Mittel. ‚Reden Sie doch‘ — damals sagten die Kinder noch Sie zu mir — ‚reden Sie doch dem Aladar‘ — eigentlich heißt er Aron — ‚nicht darein, lieber Vater; Sie sind ein Schlemihl.‘ Das tat mir weh — von meinem eigenen Fleisch und Blut. Aber recht hatte sie! Ich war ein Schlemihl. Also schwieg ich und kümmerte mich um nichts mehr. Doch was sollte ich den ganzen geschlagenen Tag in dem öden Schlosse auf der ungarischen Pußta? Ich suchte zuweilen ein nahe gelegenes Städtchen auf, wo sich die Landedelleute aus der Umgebung in einem Kaffeehause zusammenzufinden pflegten. Dort wurde, besonders an Markttagen, stark gespielt. Ich war nicht ganz ohne Mittel, denn mein Sohn verdiente bereits und schickte mir von Zeit zu Zeit, was er entbehren konnte — und so hielt ich mit. Aber das Unglück verfolgte mich nun einmal — ich verlor — bis ich endlich eine Spielschuld auf mir sitzen hatte. Nicht allzu hoch, aber zahlen konnt’ ich sie nicht und mußte mich, wenn auch ungern, in meiner Verlegenheit an Sarah wenden. Sie hatte zwar von mir eine ansehnliche Mitgift erhalten; aber ich wußte, daß sie seit jeher geizig war, sehr geizig. ‚Wozu brauchen Sie zu spielen, Vater? Diesmal will ich Ihnen das Geld geben, aber spielen dürfen Sie nicht mehr; Sie sind jetzt ein armer Mann.‘ Das war das Zweite. Aber recht hatte sie: ich war ein armer Mann. Rührte also keine Karte mehr an. Doch dabei blieb’s nicht. Es kam zum Vorschein, daß ich zu wählerisch im Essen und Trinken sei, und als ich eines Tages zufällig ein wenig hustete, hieß es: ‚Sie rauchen zu viel, Vater. Warum rauchen Sie so viel? Es wird Ihnen schaden.‘ Ich verstand den Wink — und der riß den Faden entzwei. Denn wer mir meine Zigarre nimmt, der nimmt mir mein Leben. Ich erwiderte nichts, obgleich mir das Herz zerspringen wollte; am nächsten Tage aber reiste ich ab und ließ Sarah mit ihrem Aladar allein. Denn Kinder haben sie nicht.“

Er war bei dieser Erzählung in Aufregung geraten und als er jetzt schwieg, atmete er heftig. Die geliebte Zigarre war ihm ausgegangen, aber er machte keinen Versuch, sie wieder anzuzünden, und blickte starr vor sich hin. „Fast könnte man sagen,“ fuhr er nach einer Weile mit tonloser Stimme fort, „auf diese Weise straft sie Gott. Denn auch meine Tochter ist eine echte Jüdin: sie kränkt sich, daß sie unfruchtbar geblieben.“

Ich wollte ihn ermuntern und sagte: „Dafür erleben Sie ja, wie es scheint, an ihrem Sohne um so größere Freude.“

Er sah betroffen empor. „An meinem Sohne? O ja! Gewiß! Mein Sohn ist ein edler Mensch — von dem kann ich haben, was ich will. Aber“ — er warf sich dabei in die Brust — „er ist mir auch Dank schuldig. Ich habe an seiner Erziehung nichts gespart und ihm sogar einen Hofmeister gehalten. Wie schon gesagt, er ist Jurist und hätte, wie mancher andere, in Staatsdienste treten — hätte Karriere machen können. Im vorigen Jahre wollte man ihn um jeden Preis in den Reichsrat wählen. Aber er hat es vorgezogen, ganz und gar Kaufmann zu bleiben. Und als solcher ist er einzig. Seine Kombinationen, seine Unternehmungen gehen ins Großartige. Er ist bereits Millionär.“