„Ich gratuliere. Und Sie leben bei ihm in Wien?“

„Natürlich! Natürlich! Das heißt, ich habe bei ihm gelebt. Aber da war wieder die Schwiegertochter der Stein des Anstoßes. Sie begreifen: die doppelte Eifersucht der Gattin und Mutter. Die Frau weiß, welche Stücke mein Sohn auf mich hält — und dann die Enkel! Ach, wenn Sie meine Enkel kennen würden!“ fuhr er mit aufleuchtenden Augen fort. „Ein Knabe und ein Mädchen. Wahre Engel! Besonders die Kleine, die Jenny — sieben Jahre ist sie alt. Reizend, sage ich Ihnen, reizend! Und ihren alten Großvater lieben sie abgöttisch! Da gab es denn immer Neid und Zwistigkeiten im Hause — so daß ich es endlich vorzog, für mich allein zu wohnen. Aber ganz in der Nähe, ganz in der Nähe; ich kann jeden Augenblick —“ Er brach plötzlich ab, als fehle es ihm an Atem, und rückte, in Gedanken versinkend, unruhig auf seinem Sitze hin und her.

Ich erwiderte nichts, und so trat längeres Schweigen ein. Er schien ganz und gar um seine mitteilsame Stimmung gebracht und beachtete mich kaum mehr. Sein Blick hatte etwas Erloschenes, Verglastes bekommen, seine Wangen waren eingesunken, seine Züge schlaff geworden — er sah mit einem Male wirklich sehr alt aus.

Jetzt stand er ganz unvermittelt auf und sagte: „Ich gehe zu Bett. Wohnen Sie auch hier?“ Und ohne meine Antwort abzuwarten oder gute Nacht zu sagen, hatte er sich entfernt.

Ich blieb nachdenklich sitzen. Ich hatte den Alten ohne Zweifel an einer sehr empfindlichen Stelle berührt, und bei einigem Nachsinnen konnte ich leicht herausbringen, wie das zusammenhing. Trotz seiner Unformen und Schwächen flößte er mir jetzt Teilnahme ein; denn ich empfand, daß er ein unglücklicher Mann war. Als nunmehr Herr Matzenauer erschien und mich, während er den Tisch abräumte, mit einiger Ironie fragte, wie ich mich mit Herrn Hirsch unterhalten habe, gab ich gar keine Antwort. Bald darauf in meinem Zimmer angelangt, hörte ich meinen Nachbar bereits schnarchen. Aber nicht so entsetzlich wie damals. Oder schien es mir nur so?

III.

Als ich am nächsten Tage von meinem gewohnten Morgenspaziergange nach Hause zurückkehrte, stand Herr Hirsch unten am Tore. Er sah wieder ganz frisch und munter aus und hatte einen von Neuheit funkelnden Zylinderhut unternehmend auf dem rechten Ohre sitzen; in der Hand hielt er eine kleine Reisetasche. Er schien mich kaum wiederzuerkennen und erwiderte meinen Gruß fast wie den eines Fremden.

„Nun, wie haben Sie geschlafen?“ fragte ich in meiner Betroffenheit.

„Vortrefflich!“ entgegnete er herablassend. „Und jetzt fahre ich nach M... Es ist zwar ein wenig frostig heute; aber das tut nichts. Kennen Sie den Ort?“

Ich verneinte.