„Ein ganz stattlicher Marktflecken, wo jeden Tag herrschaftliche Beamte zusammenkommen. Sie haben eine Art Kasino errichtet, und da geht es ganz lustig zu. Ich bin in diesem Sommer öfter dort gewesen und begreife gar nicht, daß ich diese Gesellschaft nicht schon längst wieder einmal aufgesucht habe, statt mich hier wie ein Mops zu langweilen. Kommen Sie vielleicht mit? Die Züge gehen ganz bequem; um zehn Uhr abends sind wir wieder zurück.“

Ich lehnte dankend ab.

„Nun dann Adieu!“ Er legte einen Finger an die Hutkrämpe und schlug den Weg nach dem Bahnhofe ein, der, außerhalb des Ortes liegend, mit einem kurzen Gange zu erreichen war.

So also benahm sich heute der Mann, der mir gestern sein ganzes Herz ausgeschüttet! Sein Entschluß aber, nach M... zu fahren, konnte mir nur angenehm sein. Denn trotz der Teilnahme, die ich für ihn zu hegen begonnen, hatte ich doch mit einem gewissen Bangen einer erneuten Einladung zum Billardspiel und sonstigen geselligen Anforderungen entgegengesehen.

Als er nachts zurückkehrte, saß ich in meinem Zimmer und las.

„Famos hab’ ich mich unterhalten — famos!“ rief er jemandem, wahrscheinlich Herrn Matzenauer, im Flur so laut zu, daß ich es bis herauf hörte. „Das sind ganz andere Leute, als die hiesigen. Gleich morgen fahre ich wieder hin!“

In der Tat war Herr Hirsch am nächsten Tage nicht zu sehen, auch nicht am nächstfolgenden — und am dritten blieb er sogar über Nacht weg.

„Herr Hirsch wird Ihnen ja ganz und gar untreu“, sagte ich beim Frühstück zu unserem Wirte.

„In Gottes Namen!“ entgegnete dieser ärgerlich. Es schien ihm doch nicht recht zu sein, daß der anspruchsvolle Gast sein Geld anderswohin trage. „Aber wissen Sie, was er in M... macht? Er spielt — und das ziemlich hoch. Denn dort ist eine richtige Bande beisammen. Der Verwalter und der sogenannte Forstmeister eines freiherrlichen Gutes, beide so verschuldet wie der Besitzer selbst, und ein verlotterter Winkelschreiber, der früher einmal in der Gegend Amtmann gewesen, die drei rupfen den alten Vogel, was das Zeug hält. Gestern mußte er von mir schon hundert Gulden borgen, und in der Hitze des Gefechts hat er sicherlich den Zug versäumt. Wenn er nur bis Mittag heimkommt. Es liegt oben ein Telegramm für ihn — wahrscheinlich von seinem Sohn.“

Wirklich traf Herr Hirsch um zwölf Uhr ein. „Ein Telegramm!? Ein Telegramm!?“ schrie er, während er die Treppe hinauf in sein Zimmer polterte. „Wo ist das Telegramm?“ Dann nach einer Pause: „Mein Sohn kommt! Mein Sohn! Also jetzt gilt’s, Herr Matzenoër! Machen Sie Ihrem Hotel Ehre! Das andere Zimmer ist doch, wie ich befohlen, in den letzten Tagen geheizt worden? Und dann einen Wagen! Einen Wagen auf sechs! Mein Sohn kommt zwar leider allein — nicht mit Familie, wie ich gehofft — aber zu Fuß kann er nicht gehen. Zu Fuß nicht! Und sagen Sie Ihrer Frau, daß sie sich zusammennehmen soll. Das Essen muß exquisit sein. Ein Diner! Ein Diner! Mein Sohn wird Appetit haben; denn ich weiß, daß er während der Fahrt nie etwas zu sich nimmt.“