Als er sich jetzt allein befand, rannte er bald in seinem, bald in dem für seinen Sohn bestimmten Nebenzimmer hin und her. Ich dachte, er würde vielleicht, erregt, wie er war, zu mir herüberkommen, um mich von dem großen Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Aber es geschah nicht; er hatte mich offenbar bereits ganz vergessen.
Nun war ich aber denn doch ein wenig neugierig auf Herrn Hirsch junior, und da meine Essensstunde mit der betreffenden Bahnzeit zusammenfiel, so konnte ich voraussetzen, daß ich ihn im Speisezimmer würde sehen können.
Ich hatte auch eben mein Mahl beendet, als der Wagen angefahren kam und gleich darauf Vater und Sohn eintraten; der letztere eine distinguierte, aber keineswegs anspruchsvolle Erscheinung. Kleiner und viel zarter gebaut als sein Vater, wies er mit diesem überhaupt keinerlei Ähnlichkeit auf. Er hatte ein ausgesprochen jüdisches, scharf geschnittenes Profil; seine hohe und breite Stirn erschien infolge einer frühen Glatze noch ausdrucksvoller und bedeutender; die Augen blickten etwas müde durch eine feine Stahlbrille. Er nahm geräuschlos an dem Tische Platz, den Herr Matzenauer mit großer Sorgfalt gedeckt hatte und auf welchem vier Kerzen in einer silberplattierten Girandole brannten.
„Da siehst du das Speisezimmer!“ rief Herr Hirsch senior pathetisch. „Zwar nicht elegant, aber gemütlich. Laß dir nur gleich ein Glas Bier geben; ich weiß, du trinkst es gern. Es ist auch ganz ausgezeichnet — eigentlich das einzige Gute, das man hier haben kann. — Aber den Richard hättest du doch mitbringen können!“
„Ich habe dir schon gesagt, lieber Vater,“ erwiderte der andere mit gedämpfter Stimme, „daß beide Kinder stark erkältet sind. Man mußte also trachten, sie so rasch wie nur möglich nach Hause zu bringen.“
„Nun ja, nun ja — aber an der Bahn hätt’ ich sie doch sehen können.“
„Dann hätte man auch den langsamen Postzug benützen müssen — und das ist überhaupt unangenehm für Frauen und Kinder. Der Eilzug hält ja hier nur während der Badesaison.“
„Es ist wahr, es ist wahr — — Nun, ich werde ja die lieben Engel morgen in Wien ans Herz drücken!“
Der Sohn erwiderte nichts. Er schien nachdenklich und kostete zerstreut von dem Biere, das man ihm gebracht. Ich aber wollte nicht länger Zeuge dieses Familiengespräches sein, das der Alte in seiner gewohnten Ungebundenheit mit lautester Stimme führte, stand auf und entfernte mich.
Draußen war es mondhell. Ich ging, meine Zigarre zu Ende rauchend, eine Zeitlang auf dem verödeten Platze des Ortes auf und nieder; dann zog ich mich in mein Zimmer zurück.