‚Ich.‘

‚Ihr? Geht!‘ Sie sah mich dabei mit zusammengezogenen Brauen verächtlich — und doch mit ungläubiger Zärtlichkeit an.

Ich fühlte, wie mir dieser Blick ins Innere drang; dennoch nahm ich eine gleichgültige Miene an. ‚Was mich betrifft, so sollt’ es mich wenig kümmern, ob du da bist oder nicht; du wirst die Bäume nicht forttragen. Aber der Förster duldet’s nicht und hat mir befohlen, dich abzuschaffen.‘

‚Und wie wollt Ihr das anfangen?‘ fragte sie höhnisch.

Mein Stop hatte sich mittlerweile zwischen uns beide gestellt und fing jetzt an, sie vorsichtig zu beschnuppern.

‚Wollt Ihr mir vielleicht gar mit dem Hund zu Leibe?‘ fuhr sie lachend fort. ‚Der würd’ Euch nicht gehorchen.‘ Sie hatte bei diesen Worten einen Brocken schwarzen Brotes aus der Tasche gezogen, nach welchem Stop, gefräßig wie alle Jagdhunde, gierig schnappte und dann, nach mehr verlangend, wedelnd zu ihr emporsah. ‚Seht Ihr! Er ist klüger, als sein Herr; er nimmt, was man ihm gibt.‘

Ihre Unverschämtheit verdroß und empörte mich jetzt wirklich. ‚Weißt du,‘ sagte ich, ‚ich werde mich mit dir in kein Hin- und Herreden einlassen, und erkläre dir nur, daß ich dich nicht mehr hier treffen will. Gewalt kann ich allerdings nicht anwenden, aber es gibt noch andere Mittel, dir den Kopf zurechtzusetzen. Fürs erste dürfen deine Eltern nicht mehr Holz sammeln, wenn du mir noch einmal in den Weg kommst. Das merk’ dir!‘ Damit ließ ich sie, dem Hunde pfeifend, kurzweg im Gestrüpp stehen. Ich empfand deutlich, wie sie mir mit zornig funkelnden Augen nachblickte, und nach einer Weile vernahm ich ein wildes, weithin schallendes Hohngelächter.

Aber meine Worte, sowie mein ganzes Benehmen schienen doch die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt zu haben; denn das zudringliche Geschöpf blieb von diesem Tag an dem Walde fern; wenigstens bekam ich es nicht zu Gesicht. Aber seltsam: obgleich ich mit dem Erfolg zufrieden sein mußte und es auch wirklich war, so fehlte mir doch etwas bei meinen Gängen. Es war mir, als könnte ich noch immer nicht daran glauben, daß sie meinem Befehl gefolgt sei, und so oft ich es irgendwo in den Zweigen rascheln hörte, glaubte ich auch ihre Gestalt hervorbrechen zu sehen, gewissermaßen enttäuscht, wenn ich nun in der Tat irgend ein Getier erblickte.

Inzwischen war es vollends Sommer geworden und draußen auf den weitgedehnten, sonnenbeglänzten Feldern begann allmählich das Korn zu reifen. Um diese Zeit hatte ich mich einmal in der Frühe zu dem Heger hinauf begeben und mit ihm den oberen Teil des Reviers begangen; als ich mich zum Abstieg anschickte, war es bereits nahe an Mittag und die Hitze, schon am Morgen höchst empfindlich, hatte sich inzwischen bis zum Unerträglichen gesteigert. Aus dem Nadelholz rings herum drang eine betäubende Glut und schien jeden Laut zu ersticken; nicht einmal das Hämmern des Spechtes klang durch die Stille. Ich hatte meinen Rock ausgezogen und lechzte wie mein Hund, der mit heraushängender Zunge dicht hinter mir herschritt. Aber alle Bäche und Wasserrisse waren eingetrocknet, und die kurze Wegstunde, die ich noch bis zum Forsthause zurückzulegen hatte, schien mir gerade Zeit genug, um zu verdursten. Da fiel mir ein, daß ich mich in der Nähe eines Erdbruches befinden müsse, woselbst ich im vorigen Sommer während der größten Dürre eine Quelle angetroffen hatte, die mühselig zwischen Moos und Baumwurzeln hervorsickerte. Ihr spärliches Wassergeriesel sammelte sich in einem kleinen, von Zeit zu Zeit überfließenden Tümpel, wodurch der Ort selbst beständig feucht gehalten und der Wuchs hoher Ulmen begünstigt wurde, die in der Runde kühle, düstere Schatten verbreiteten. Ich trachtete sofort, die kürzeste Richtung zu gewinnen, indem ich mich ohne weiteres durchs Dickicht schlug. Bald empfand ich auch, wie mir ein erquickender Hauch entgegenwehte; jetzt vernahm ich schon deutlich, wie es in der Tiefe rieselte und plätscherte. Noch ein paar Schritte — und unter mir lag der klare, umschattete Tümpel. Aber gleichzeitig benahm es mir den Atem, und ich mußte mich taumelnd am nächsten Ast festhalten. Denn dem kleinen Bassin, an dessen Rand sich weibliche Kleidungsstücke verstreut zeigten, entstieg eben mit blinkendem Leibe das Mädchen. Stop war vorausgeeilt; sie schrak zusammen und wandte mir das Antlitz zu. Ihre erste Regung war, sich in instinktmäßiger Scham die Hände vor die Augen zu schlagen; sofort aber zuckte es eigentümlich um ihren Mund, und indem sie die erhobenen Arme sinken ließ, nahm sie die bekannte Venusstellung an, die sie nie im Leben vor Augen gehabt. Ich wendete mich ab und floh den Pfad zurück, den ich mir gebrochen. Wie ein Trunkener taumelte ich vorwärts; das Herz schlug mir bis an den Hals hinauf; Hitze und Trockenheit in der Kehle drohten mich zu ersticken, während mich mein Hund, der sich inzwischen satt getrunken, mit noch triefender Schnauze lustig umsprang.

Wie ich damals nach Hause gekommen, weiß ich heute nicht mehr; ich kann nur sagen, daß ich das Bild nicht vor den Augen wegbrachte, daß mich marternde Sehnsucht verzehrte, daß ich mit dem Entschlusse kämpfte, das Mädchen aufzusuchen — und was derlei Ausgeburten einer erhitzten Phantasie mehr waren. Vernunft und Ehrgefühl halfen mir freilich über all diese Erschütterungen hinweg; aber mir war und blieb in den nächsten Tagen elend zumut. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen und schritt im Walde wie ein Schatten umher.