‚Ich denke, Sie können sich’s ganz ersparen‘, sagte ich, mich rasch fertig machend. ‚Es kann keine besondere Gefahr dabei sein; das kleine Haus steht ja auf einer ausgedehnten Lichtung. Sie mögen übrigens in Bereitschaft bleiben, und wenn es not tut, sende ich nach Ihnen.‘

Dies leuchtete auch der Försterin ein, die schon die hohen Filzstiefel des Alten hervorgesucht hatte, und dieser stimmte zu, während ich mit den Männern abging. Wir hatten zwei Laternen mitgenommen und schlugen bei Nacht und Nebel gleich den kürzesten, wenn auch beschwerlichsten Weg ein. Es dauerte nicht lange, so verspürten wir bereits leichten Brandgeruch, der immer eindringlicher wurde, und als wir endlich auf die Lichtung hinaustraten, schimmerte uns die rötliche Glut verglimmender Balken, die um das Haus herumlagen, durch die Dunkelheit entgegen. Der Brand war also schon erloschen und keine weitere Gefahr mehr zu besorgen; auch der Schaden erwies sich als nicht sehr bedeutend. Bloß der Dachstuhl war herabgebrannt; die Mauern standen unversehrt; selbst ein kleiner, ganz in der Nähe befindlicher hölzerner Stall war von den Flammen verschont geblieben. Ich fragte die Hegerleute, welche eben beschäftigt waren, einige ins Freie geschaffte Habseligkeiten wieder einzuräumen, auf welche Art das Feuer ausgebrochen sei? Die Frau erwiderte darauf hastig und einigermaßen verwirrt, sie könne nur glauben, daß es böse Menschen gelegt hätten. Es gäbe einige Wilddiebe, die ihrem Manne schon längst Rache geschworen; auch wäre es immerhin möglich — sie blieb plötzlich in ihrer Rede stecken, da ihr der Heger, wie ich bemerkte, einen grimmigen Blick zuwarf. Die Erörterung war ihm offenbar unangenehm, und er sagte jetzt mit einem gewissen Trotz: ‚Wir können niemanden anklagen. Die Oktobernächte sind bereits empfindlich kalt, und da haben wir, der Kinder wegen, noch spät am Abend geheizt. Der Ofen aber ist alt und schadhaft — und der trägt wohl die Schuld an dem Brande. Übrigens war der Schrecken, den wir ausgestanden, das Ärgste; alles andere ist kaum der Rede wert. Dachsparren und Schindeln waren ohnehin schon morsch und verwittert, und hätten bald durch neue ersetzt werden müssen.‘

Diese Erklärung, sowie das ganze Benehmen der Leute erschien hinreichend, Maruschka in meinen Augen des Frevels zu entlasten, den ich ihr zugemutet; der Förster jedoch hielt bei meiner Rückkehr mit der ihm eigenen Verbissenheit an seinem Argwohn fest und meinte, der Heger habe wohl seine guten Gründe, die Schuld auf den Ofen zu schieben, damit die Rolle, welche er bei dem Liebeshandel gespielt, nicht weiter zur Sprache käme. Aber nicht bloß der Alte war überzeugt, daß das Mädchen den Brand gelegt: die Kunde verbreitete sich im Orte selbst wie ein Lauffeuer und wurde sofort zur unzweifelhaften Tatsache. Man sprach von nichts anderem und fragte sich entrüstet, wie es denn komme, daß die Verbrecherin noch immer frei und unbehelligt umhergehe. Infolgedessen fand sich auch das Gericht veranlaßt, von der Sache Akt zu nehmen und Maruschka einem strengen Verhöre zu unterziehen. Da diese aber ihre Schuld auf das entschiedenste in Abrede stellte und auch nicht der Schatten eines wirklichen Beweises gegen sie vorgebracht werden konnte, so mußte der Gerichtsleiter, der diesen Ausgang vorhergesehen, alles weitere auf sich beruhen lassen, zeigte sich aber, um die Gemüter zu beruhigen, gerne bereit, den Antrag zu unterstützen, den der Bürgermeister, nunmehr durch die Umstände begünstigt, an die Statthalterei zu richten fest entschlossen war, nämlich: die bereits wegen Einbruchs abgestrafte Marie Kratochwil, welche, in unverbesserlicher Arbeitsscheu verharrend, der öffentlichen Sittlichkeit sowohl, als auch der allgemeinen Sicherheit gefährlich erscheine, möge zur Abgabe in eine Korrektionsanstalt bestimmt werden. Und da nun der Ortsvorstand begreiflicherweise mit vollen Segeln ins Zeug ging, sich nach der Landeshauptstadt begab, um dort persönlich alle Hebel in Bewegung zu setzen, so langte auch bald der Bescheid herab, daß das Mädchen zu einjähriger Zwangsarbeit einzuliefern sei. Maruschka, bis dahin in Gewahrsam gehalten, wurde also eines Tages, ohne daß ich sie mehr zu Gesicht bekommen hätte, unter Gendarmeriebegleitung zur Bahn gebracht und nach Brünn befördert.

Die Frau des Bürgermeisters hatte sich inzwischen mit ihrem Sohne, der, nachdem er sich eine Zeitlang wie ein Wahnsinniger gebärdet, in apathische Schwermut versunken war, zu entfernt lebenden Verwandten begeben, hoffend, daß der Wechsel des Ortes und der Umgebung seinen heilsamen Einfluß auf den Gemütszustand des Burschen nicht verfehlen würde. Dieses Mittel schien aber nicht angeschlagen zu haben; denn man wunderte sich bei seiner Rückkehr, wie schlecht und verfallen er aussah, und wollte seitdem bemerken, daß er ein in sich gekehrtes, heimtückisches Lungerleben führe. Bald hieß es auch, er habe mit dem Bruder der Maruschka Freundschaft geschlossen, treibe sich in dessen Begleitung an entlegenen Orten umher, und beide seien schon des öfteren in einem verrufenen Wirtshause nächst der Landstraße gesehen worden. Ja man behauptete sogar, daß er bei einbrechender Dunkelheit die Familie in ihrer Höhle aufsuche, sie mit Branntwein regaliere und mittrinkend schwöre: er und Maruschka würden doch noch ein Paar werden. Zwar stehe ihm im Frühling die Rekrutierung bevor, aber es wäre ihm, trotz der Absicht seines Vaters, ihn loszukaufen, ganz recht, ein paar Jahre beim Militär zu dienen. Wenn er dann wieder zurückkehre, sei er majorenn und niemand mehr könne ihm etwas befehlen oder verbieten, selbst seine Eltern nicht, von denen er übrigens glaube, daß sie nicht allzulange am Leben bleiben dürften. So wenigstens erzählte man sich; ich aber gestehe, daß ich stets eine eigentümliche Empfindung hatte, wenn mir der Bursche hin und wieder begegnete, bleich, hohlwangig und mit blöden Augen vor sich hin wie ins Leere stierend.

V.

Das Jahr 66 war herangekommen, und sein Sommer brachte Sorge, Verwirrung und tiefes Leid. Heute sind mehr als zwei Dezennien darüber hingegangen, und die Einsicht, daß jene Ereignisse der Ausgangspunkt des großen Germanischen Reiches gewesen, hat uns alle mit dem Schicksal, das uns damals getroffen, ausgesöhnt, wenn sich auch seither die Deutschen in Österreich, durch den Nationalitätenhader von allen Seiten bedrängt, immer einsamer und verlassener fühlen. Aber ich gerate da in Reflexionen, die nicht zu meiner Geschichte gehören.

Der Krieg hatte auch unsere Provinz gestreift und der Ort vordringende preußische Truppen beherbergt. Als sie nach geschlossenen Friedensverhandlungen abgezogen waren, schien auch wieder die frühere Alltagsstimmung zurückgekehrt zu sein; die so folgenschweren Vorgänge hatten keine äußeren Spuren hinterlassen. Bald aber machte sich viel Schmerzliches geltend. Manche von den Einwohnern hatten ihre Söhne in den blutigen Schlachten verloren, oder sahen sie verstümmelt im elterlichen Hause eintreffen. Zu denen, welche Tote zu beweinen hatten, gehörte auch der Bürgermeister. Der Junge hatte seinen Willen durchgesetzt und sich assentieren lassen, oder vielmehr mochten die Eltern, welche von dem bevorstehenden Kriege keine Ahnung hatten, in einem kurzen Militärdienste ein willkommenes Heilmittel für ihren Sohn vermutet haben. Dieser war also in das einheimische Regiment getreten, wo er auch, dem Schutze eines bekannten Hauptmannes empfohlen, in der Tat einigermaßen aufzuleben schien; der Krieg aber brachte ihm ein rasches Ende. Er war zwar noch bei Königgrätz mit heiler Haut davongekommen, nach dem hastigen und verworrenen Rückzug über die Elbe jedoch wurde er vermißt, und seine Spur blieb für immer verloren; er mußte in den Fluten des Stromes sein Grab gefunden haben. Die beiden Alten lebten, ihrer reichen Habe unfroh, in öder Ergebung dahin und nahmen schließlich eine junge verwaiste Anverwandte an Kindesstatt ins Haus.

Auch in der Troglodytenfamilie hatte sich manches verändert. Der Vater, endlich dem Schicksale des Säufers erliegend, war eines Tages im delirium tremens verendet, und die Mutter hauste nunmehr am Flusse allein mit ihrem jüngsten Sohne. Dieser schien indes in sich gegangen zu sein und hatte wenigstens annäherungsweise einen Beruf ergriffen: er war Gänsehirt geworden. Und dieses Amtes waltete er mit überraschendem Eifer, erstaunlicher Umsicht und ungeahnter Redlichkeit. So kam es, daß ihm nach und nach fast die ganze Gemeinde ihr watschelndes Federvieh anvertraute, das man früher vor den würgerischen Griffen der Kratochwil nicht genug in acht hatte nehmen können. Eine unübersehbare Herde schnatterte nun auf der frisch besämten Hutweide und verlieh der Erdhütte, die sie umweidete, einen höchst idyllischen Charakter. Zwischendurch bewegte sich der mächtig aufgeschossene, rothaarige Junge und trieb mit einer langen, lustig geschwungenen Peitsche seine Schutzbefohlenen zu Paaren, jedes einzelne Stück aus der Schar dem Eigentümer nach heraus erkennend.

So ging das Jahr hin, und wohl nur wenigen kam es in den Sinn, daß die Zeit herannahe, um welche Maruschka aus der Zwangsanstalt würde entlassen werden. In mir selbst war fast jede Erinnerung an sie erloschen; hatte ich doch inzwischen ein schönes, sanftes Mädchen, die Tochter eines benachbarten Försters, kennen gelernt, die auch später meine Frau geworden ist. Ich war also in der Tat höchlich erstaunt, als ich die Zurückgekehrte an einem düsteren, stürmischen Novembertage auf der Brücke stehen sah. Sie lehnte mit dem Rücken am Geländer und blickte mir starr und ausdruckslos entgegen; endlich wendete sie sich langsam ab. Ich aber war erschrocken über die Veränderung, die in ihrem Äußeren vor sich gegangen. Die einst so kräftige, schlanke Gestalt hatte eine ungesunde, formlose Fülle entwickelt, und in dem fahlen, aufgedunsenen Gesicht lag jener unbeschreibliche Zug öden Stumpfsinns, der den meisten Sträflingen eigen ist. Von ihren Haaren war nichts zu sehen, ein schmutziges Kopftuch umhüllte das ganze Haupt bis tief in die Stirn hinein. Ein unsägliches Grauen wandelte mich an, als ich jetzt an ihr vorüberging, und später vermied ich es, auf demselben Wege zurückzukehren.

Es gibt Tage, an welchen alles zusammentrifft, um kein Behagen im Menschen aufkommen zu lassen. Ein solcher Tag war auch der heutige. Schon am frühen Morgen hatte es Zwist und Ärgernis mit den Holzschlägern im Walde gegeben; jetzt, nach der unerfreulichen Begegnung, mußte ich im Auftrage der Herrschaft zu Gericht, eines Treibers wegen, den man auf der Jagd angeschossen; im Forsthause lag der Alte mit seiner Gicht zu Bette, was auch die Försterin um ihre Laune brachte. Nach hastig eingenommenem Mittagessen mußte ich wieder zu den Holzschlägern hinaus, und am Abend stand mir der Abschluß der Forstrechnungen bevor, welches Geschäft ich stets so lange als möglich hinauszuschieben pflegte.