So hatte ich mich denn etwa gegen neun Uhr in meine Stube zurückgezogen, um meine Arbeit in Angriff zu nehmen. Aber ich war zerstreut, unruhig, und die verteufelten schwarzen Zahlen tanzten mir beim Lampenschein vor den Augen. Mein Hund schien sich gleichfalls nicht behaglich zu fühlen; er drehte sich wiederholt unter dem Tische um sich selbst herum und konnte doch keine bequeme Lage finden. Auch das störte mich; ich legte die Feder aus der Hand, brannte mir eine Pfeife an und ging eine Zeitlang auf und nieder. Ich dachte dabei an gar nichts, und doch fühlte ich mich von irgend etwas seltsam in Anspruch genommen. Aber die Zeit drängte, ich setzte mich wieder und indem ich mich gewaltsam zurechtrückte, begann ich zu addieren. Jetzt ging es, und mehr und mehr kam ich in die Arbeit hinein. Auch Stop hatte endlich Ruhe gefunden; er schlief.
Auf diese Art vergingen etwa zwei Stunden. Zuweilen hielt ich inne und lauschte unwillkürlich auf den Novembersturm, der den Wald durchbrauste. Stop schien ihn zu empfinden; er schauerte leicht und schlug hin und wieder im Traume kurz und leise an.
Da war es mir, als geselle sich dem Rauschen mit einem Male ein eigentümlicher Hall. Ich erhob mich und trat dicht an die Scheiben. Horch! War das nicht Glockengeläute? Ich öffnete leise einen Flügel. Jetzt ein eigentümlich langgezogener Ton. Das Feuerhorn! Feuer — Feuer im Ort! So rasch als möglich machte ich mich fertig und verließ, um niemand vorzeitig zu wecken, das Haus durch das niedrig gelegene Fenster; Stop folgte mir mit einem federleichten Satze. Nach einigen hastigen Schritten blickte ich zum Himmel empor; tief schwarz kam er über den Wipfeln der Fichten zum Vorschein, die das Haus nahe umstanden. Also rasch vorwärts, um Ausblick zu gewinnen! Immer deutlicher vernahm ich das dumpfe Glockengetön, während ein geheimnisvoller Weheruf mit dem Sturm zu gehen schien. Nun bräunte sich auch schon das Firmament, dann rötete es sich — und als ich jetzt den Waldrand erreicht hatte, lag der Ort vor mir, taghell beleuchtet von dem Flammengewoge eines brennenden Hauses. Wie ich mich sofort orientierte, war es das des Bürgermeisters; nahebei, nur durch ein anderes, niederes, aber langgestrecktes getrennt, ragte das Gerichtsgebäude, das größte des Ortes, von der prasselnden Lohe angestrahlt, fast blutrot empor. Zum Glück trieb die Windrichtung die Flammen nicht in den Flecken hinein, sondern nach rückwärts, dem freien Felde zu; auch war die Feuerwehr, die sich erst vor kurzem hier gebildet hatte, schon in voller Tätigkeit begriffen.
Eine Minute lang betrachtete ich das furchtbar prächtige Schauspiel, während unten, beim Geheul der angesammelten Menschen, die Spritzen über den Platz rasselten und ihre Wasserstrahlen in die züngelnden Flammen stäuben ließen. Dann überlegte ich, ob ich hinabeilen oder vorerst die gewiß noch ahnungslosen Försterleute in Kenntnis setzen sollte. Dabei machte ich unwillkürlich eine halbe Wendung und gewahrte hinter mir im Gestrüpp eine zusammengekauerte weibliche Gestalt, die ich früher nicht bemerkt hatte. Der Feuerschein umfunkelte ihr Antlitz, sowie die herben roten Früchte eines dürren wilden Rosenstrauches, an welchem sie unmittelbar saß. Es war Maruschka.
‚Du!?‘ rief ich aus, während eine plötzliche Gewißheit in mir aufstieg.
‚Ja, ich,‘ erwiderte sie ruhig.
‚Was tust du hier?‘
‚Ich sehe zu. Schon seit zwei Stunden wart’ ich, daß es anginge.‘
‚Du hast —!‘
‚Redet nur aus! Ich hab’ das Feuer gelegt.‘