Allan blieb bis kurz vor zehn Uhr sitzen, zu welcher Stunde die amerikanische Familie erklärte zu Bett gehen zu wollen, da sie die Nacht vorher lang aufgewesen waren. Allan wurde aufgefordert, sitzen zu bleiben und sich allein zu erfrischen, aber lehnte ab und sagte gute Nacht. In die Halle gekommen, dachte er einen Augenblick nach, was er anfangen sollte. Die große Halle war leer bis auf einen Kellner und ein paar Hotelbedienstete. Er beschloß, einen Abendspaziergang zu machen und zog seinen Ulster an, der beim Garderobier hing. Gerade als er sich anschickte zu gehen, ging die Drehtüre auf, und zum Vorschein kam der alte Juwelier und ein einfach gekleideter Mensch. Offenbar hielt Herr van Schleeten Wort und erschien nun zur Nachtarbeit an den Juwelen des Maharadschas. Es war zu hoffen, daß der Maharadscha Gelegenheit finden würde, ihn für seinen Eifer zu belohnen. Allan trat beiseite, um Herrn van Schleeten und seinen Gehilfen passieren zu lassen. Er musterte sie ohne weiter daran zu denken; Herr van Schleeten erwiderte seine Blicke mit zornigem Funkeln. Was hatte er eigentlich für einen Grund Allan böse zu sein? Es war doch Allans Verdienst, daß er überhaupt in die Lage gekommen war, an den Juwelen zu arbeiten. Allan ging vorbei, mit einem flüchtigen Blick auf den Gehilfen, der durch die Pracht des großen Hotels befangen und geniert zu sein schien, er nahm nicht einmal seine tief hineingezogene Sportmütze ab. Ganz flüchtig kam Allan die Idee, daß er schon einmal ein paar graue Augen gesehen hatte, die denen des Arbeiters glichen. Dann war er zur Drehtüre hinaus und ging die breiten Marmorstufen hinunter.

Er blickte zur Hotelfassade empor. In der Suite der Familie Bowlby waren noch ein paar Fenster hell. In der des Maharadscha war alles dunkel bis auf ein einziges Fenster — offenbar eines von denen, die dem Obersten gehörten. Während Allan noch dastand und vor sich hinblickte, wurden noch zwei Fenster hell. Herr van Schleeten war also mit seinem Gehilfen oben angelangt. Allan wollte eben weitergehen, als sich etwas Eigentümliches ereignete.

Eine Hand zeichnete sich seinen Augenblick von der Scheibe ab, die eben erleuchtet worden war, mit ausgespreizten Fingern. Die Finger schlossen sich, öffneten sich und schlossen sich abermals. Dann zeigten sich nur zwei davon, ganz ausgespreizt; dann verschwand die Hand. Alles war mit Blitzesschnelle gegangen. Allan, der noch dastand und hinaufsah, wußte nicht recht, ob er richtig gesehen oder das Opfer einer Halluzination gewesen war. Herrn van Schleetens guter Name und Ruf war ja von keinem Geringeren als dem Direktor des Hotels bezeugt worden. Aber wie sollte diese Hand an der Scheibe aufgefaßt werden, wenn nicht als ein Signal für jemanden draußen? Und warum signalisiert man jemandem draußen, wenn man das ganze Personal eines großen Hotels zur Verfügung hat? Bei aller Achtung vor dem Direktor ...

Allan machte mit philosophisch gerunzelter Stirne einige Schritte der Hotelfassade entlang. Verwirrte Gedanken wirbelten wie Schneeflocken durch seinen Kopf. War Mirzl im Komplott mit Herrn van Schleeten? Erst eine halbe Minute nach dem Verschwinden der geheimnisvollen Hand fiel ihm etwas ein, das doch ganz selbstverständlich war: Wenn man von dem beleuchteten Fenster aus signalisierte, in der Hoffnung, von jemand draußen verstanden zu werden, so mußte dieser Jemand in der Nähe sein, um das Signal aufzufangen. Er begann sich auf dem ziemlich matt beleuchteten Square, an dem das große Hotel gelegen war, umzusehen. Massen von Menschen strömten vorbei, obgleich Monmouth Square nicht zu den belebtesten gehört. Die Person, der man eventuell signalisiert hatte, mußte also vor dem Hotel stehen und warten. War irgendeine mystische stationäre Person da? Soweit Allan sehen konnte, war das einzige Stationäre fünf oder sechs Autos. Nun, nichts hinderte ja, daß es eines von ihnen war, dem man ...

Allan fuhr mit einem innerlichen Triumphschrei auf. Haha! War das der kleine Plan? War Herr van Schleeten mit im Komplott? Oder war er nur eine Marionette, an der man mit dem Faden manövrierte, von dem sie sich am liebsten lenken ließ? Mr. Bowlby hatte ja von seiner Schwäche für das schöne Geschlecht gehört und erzählt — war Mrs. Langtrey in Kenntnis dessen und in spezieller Absicht im Expreß so gnädig gegen ihn gewesen und so aufgebracht gegen Allan, der ihr Tete-a-tete zu stören drohte? ... Und war es denkbar, daß ihm darum die grauen Augen des Gehilfen so bekannt vorgekommen waren?

Ein Schwarm von Gedanken, deren Ausgangspunkt der letztgenannte war, summte durch Allans Kopf. Und nachdem er rasch die Ueberzeugung erlangt hatte, die sowohl seine Eigenliebe wie seine Revanchelust kitzelte, daß er recht hatte, blieb nur eine Frage: Was sollte er tun?

Er ging auf dem Trottoir auf und ab, die Augen bald auf das erleuchtete Fenster geheftet, wo jetzt keine Hand zu sehen war, bald auf die Leute, die vorbeipassierten, um den eventuellen Mitschuldigen zu entdecken. Der Direktor? Ihn aufsuchen? Er würde unfehlbar ausgelacht werden. Der Direktor hatte seinen Glauben an Herrn van Schleeten zu energisch betont, als daß er seinen Standpunkt auf eine unbegründete Einbildung eines jungen Herrn wie Allan ändern würde — wenn es sich auch schon erwiesen hatte, daß Allan glückliche Einfälle haben konnte.

Denn vielleicht war es doch nur eine unbegründete Einbildung, daß es nicht ein Arbeiter war, der mit Herrn van Schleeten hinaufgegangen war, das Signal, das Ganze. Was konnten die Betreffenden eigentlich gegen Herrn van Schleeten unternehmen, wenn Allan recht hatte? Es stand ja eine Wache vor dem Eingang.

Ein neuer Gedanke ließ Allan zusammenzucken. Was ihn hervorgerufen hatte, war nichts anderes, als der Anblick von Oberst Morrels Fenster, wo noch Licht brannte.

Der Oberst! Der ließ an Bereitwilligkeit nichts zu wünschen übrig, jeden, wer es auch sein mochte, zu verdächtigen — vermutlich in erster Linie Allan! ... Aber ohne die Zeit mit weiteren Erwägungen zu verschwenden, ob ein anderer Weg geeigneter wäre, oder wie dies ausgehen würde, stürzte Allan die Eingangstreppe des Hotels hinauf und weiter zur Suite des Maharadschas. Er sah die schwarze Leibgarde, die in dem Korridor vor den Räumen, die ihr Herrscher inne hatte, Wache hielt. Das Zimmer des Obersten lag am äußersten Ende des Korridors, und davor stand ein Mann in Livree mit einem Syphon und einer Flasche Whisky auf einem Tablett; er stand, den Knöchel an der Türe, als wenn er eben angeklopft hätte. Offenbar wollte der Oberst versuchen, seine Kümmernisse in einem kleinen Abendrausch zu ertränken. Im selben Augenblick, in dem der Mann die Türe öffnete, stand Allan auch schon davor.