„Das ist wahr,“ kam Yussuf Khans Stimme vom Sofa. „Was mein Lehrer sagt, ist wahr wie der Koran. Ich erinnere mich an nichts anderes, als an eine große Dunkelheit, in der ich auf einem unruhigen Meer zu treiben glaubte und von bösen Träumen gequält wurde. Plötzlich faßte jemand meine Seele, wie man einen Ertrinkenden faßt, und als ich den Kopf wieder über das schwarze Meer hob, befand ich mich in diesem Gemach, umgeben von weißgekleideten Krankenpflegerinnen und einem weißgekleideten Hakim. Die Verbrecher, die uns in das Haus der Freuden gelockt und dann entführt haben, konnten, dank Euch, meine Juwelen nicht stehlen, aber sie stahlen mir drei Tage meines Lebens.“

„Mein Schüler spricht gut,“ sagte der alte Ali bewundernd. „Wenn ich ihm auch, wie Oberst Morrel Sahib versicherte, ein so schlechtes Vorbild gewesen bin, daß diese ganze Stadt darüber empört ist und mich in vier Teile zerstückelt sehen will, merke ich doch, daß es mir einigermaßen gelungen ist, seinen Sinn für Poesie und Beredsamkeit auszubilden. Allah — dessen Name ewig gepriesen sei — gebührt die Ehre dafür. Jetzt erinnere ich mich doch an etwas, das ich früher vergessen hatte. Während meine Seele von dieser Dunkelheit umschlossen dalag, wie von einem Gefängnis mit unendlich dicken Mauern, rieselte plötzlich ein kleiner Lichtschimmer durch die Mauer hinein. Wie in einem Traum, oder so wie man durch dichten Nebel sieht, entsinne ich mich, daß ich ausgestreckt auf einem Lager lag, ob entkleidet oder nicht, weiß ich nicht. Nicht weit von mir, auf einem anderen Lager dünkte es mir, daß mein Schüler sich befand. Gerade als ich diese Empfindung hatte, glaubte ich zu sehen, daß ein Mann, der über mich gebeugt dagestanden hatte, von meinem Lager zu dem meines Schülers ging und sich über ihn beugte, mit einem bösartigen Grinsen, wie es die Götzenbilder in den Tempeln der Ungläubigen auf ihrem Antlitz tragen. Und seltsamerweise glaubte ich dicht neben ihm eine Frau zu gewahren. Doch, was wäre daran seltsam? Wo böse Menschen ihren Versammlungsort haben, da ist auch das Haus voll Weiber, sagt das Sprichwort, und der Koran — der allzeit gepriesen sei — teilt diese Anschauung.“

„Es ist um so wahrscheinlicher, daß Sie richtig gesehen haben,“ rief Allan, „als eine Frau in das gestrige Attentat verwickelt war. Vielleicht haben Se. Hoheit und Sie noch nicht davon gehört?“

Yussuf Khan, der sich lebhaft auf dem Ellbogen aufgerichtet und seinen Lehrer während seiner Erzählung unverwandt angestarrt hatte, schüttelte den Kopf, und der alte Ali sagte:

„Oberst Morrel Sahib nahm sich wenig Zeit zu anderem, als mir meinen Mangel an guten Eigenschaften vorzuhalten, und wie ich ihn sühnen könnte. Dann eilte er zum Minister, um einen Aufschub der Strafen zu erwirken, die dieser mir zugedacht hat. Oberst Morrel Sahib hat ein gutes Herz.“

Ohne dem alten Hofdichter seine Auffassung von Oberst Morrels Maßnahmen zu rauben, erzählte Allan, was sich am vorhergehenden Abend zugetragen hatte. Die Libationen des Obersten hüllte er in einen Schleier, aber machte eine große Nummer aus seiner Attacke gegen die Türe. Die beiden anderen lauschten ihm wie einem Märchenerzähler im Basar. Allan hatte kaum zu Ende gesprochen, als im Korridor Schritte ertönten und die Türe aufgerissen wurde. Es war der Oberst selbst, in Gesellschaft Herrn van Schleetens. Der alte Ali erhob sich mit ängstlicher Miene von seinem Sitz.

„Wie ist es abgelaufen, Oberst Morrel Sahib?“ fragte er. „Kann Se. Exzellenz der Minister uns verzeihen, oder sollen wir wie Pferdediebe aus der Stadt gejagt werden?“

Oberst Morrel zögerte einen Augenblick mit der Antwort, während er den Maharadscha und den alten Hofdichter fixierte. Endlich sagte er mit derselben Langsamkeit wie ein Klassenvorstand, wenn er zu zwei schlechten Schülern spricht:

„Ich habe ein sehr schweres Stück Arbeit gehabt. Ich fand Se. Exzellenz, den Minister für Indien, meinen hochgeschätzten Freund“ (Allan erinnerte sich, diesen Herrn von Oberst Morrel anders titulieren gehört zu haben), „in äußerst erregter Verfassung. Die Ansichten, die er über das Vorgefallene aussprach, und die ich leider nicht ganz mißbilligen konnte, die Befürchtungen, die er davor hatte, was man Allerhöchsten Orts sagen und denken würde; die Kommentare, die leider in der Presse gemacht werden — all dies hatte seine Gemütsstimmung derart beeinflußt, daß ich fürchten mußte, meine Aufgabe würde sich als unlösbar erweisen. Nur durch Aufgebot meiner ganzen Ueberredungskunst, nur durch wiederholte Berufung auf unsere alte Freundschaft und nur indem ich heilig und teuer versprach, daß die Abreise Ew. Hoheit augenblicklich erfolgen würde, gelang es mir, zu erwirken, daß Se. Exzellenz ihren Entschluß änderte. Ich kann also mitteilen, daß wir unbehelligt abreisen dürfen, wenn dies längstens übermorgen geschieht. Ein Dampfer nach Bombay geht an diesem Tage um drei Uhr ab.“

Während der alte Ali mit einem tiefen Salaam seine Hand zu fassen suchte, wischte sich der Oberst die Stirne, ermattet von der Anstrengung seiner Rede, und fuhr in einem völlig veränderten Tone fort: