Herr van Schleeten verbeugte sich, ohne daß besondere Freude über die Rolle, die ihm bei der Festtafel zugedacht war, sich auf seiner bordeauxfarbenen Nase spiegelte. Der alte Ali rief hingegen:
„Mein Schüler spricht immer besser und poetischer! Der Aufenthalt in dieser Stadt, die wir Dank Oberst Morrel Sahib mit unversehrtem Turban und ungeschorenem Kopfe verlassen dürfen; hat ihm in dieser Beziehung wunderbar gut getan.“
XI
Das vielleicht seine Aufgabe erfüllt, den Leser zu verwirren
In der Ziegelwüste des nordwestlichen Londons liegt, nicht weit von Maida Vale, ein Ziegelkanon Chesterton Mansions genannt. Tatsächlich erinnert er mit seinen steilen hohen Ziegelmauern an nichts so sehr wie an die berühmten Schluchten, die sich die Flüsse im Westen Amerikas gegraben haben. Warum er die Bezeichnung Mansions führt, ist unbekannt; im allgemeinen pflegt dieses Wort anzudeuten, daß eine Straße mit Bäumen bepflanzt ist; aber wenn das bei Chesterton Mansions einstmals der Fall war, so ist jetzt nur mehr der Name als einziges Rudiment übrig. Die siebenstöckigen Häuser der Straße sind in Mietwohnungen geteilt, zwei in jedem Stockwerk, so wie man es bei uns zulande kennt, aber wie es in England etwas relativ Neues ist. Da der Ruf der Straße nicht der beste ist, stehen oft eine Menge Wohnungen leer. In jenem September, in dem die Ereignisse dieses Buches sich abspielten, stand beispielsweise das Haus Nr. 48, das die Mietwohnungen Nr. 659–672 enthält, noch am 11. September leer. Am 12. fand sich jedoch ein Herr beim Hausverwalter ein, stellte sich als Baron de Citrac vor und wünschte eine so ungestörte Wohnung als möglich zu mieten. Er sei wissenschaftlicher Arbeiten wegen nach London gekommen und bringe seine Frau mit, für die er am liebsten eine separate Wohnung gegenüber seiner eigenen haben wolle. Der Häuserverwalter Mr. Markham, beeilte sich, ihm das Haus Nr. 48 zu zeigen. Der Baron entschied sich sofort für die Wohnungen Nr. 661–662 im ersten Stock, bezahlte im vorhinein und bat den Verwalter, ein einfaches, aber solides Ameublement für beide Wohnungen zu beschaffen. Er drückte seine Anerkennung für Mr. Markhams Entgegenkommen durch eine Fünfpfundnote aus, die Mr. Markham zu seinem Sklaven machte, und nahm dann Abschied.
Montag, den 15., zog er ein. Der Verwalter war selbst zugegen, und fand Gelegenheit, seine Meinung über den neuen Mieter in einem Punkte zu ändern. Die Reden des Barons von wissenschaftlichen Arbeiten hatte er nur als einen durchsichtigen Vorwand für etwas ganz anderes aufgefaßt, worin die Franzosen eine traurige Berühmtheit besitzen und dem auch Chesterton Mansions nicht fremd war: eine Eskapade mit einer nicht offiziellen Baronin. Er gab den Glauben daran auf, als er die Baronin de Citrac erblickte; denn gewiß war sie schön und pikant, mit grauen Augen und rotblondem Haar, aber dabei sah sie so vornehm aus, daß der Verwalter die ganze Zeit, die sie da war, mit dem Hute in der Hand dastand. Der Baron, der zwei Diener mit hatte, drückte seine Zufriedenheit mit der Möblierung der Wohnungen aus und verabschiedete den Verwalter.
Es dauerte bis zum 16., bevor dieser den neuen Mieter wiedersah, denn er wohnte selbst in einer Quergasse; aber als dies geschah, war es unter Umständen, die ihn aufs neue an dem Ernst von Herrn de Citracs wissenschaftlichen Studien zweifeln ließen. Mr. Markham war am Abend des 15. Septembers in einer Gesellschaft gewesen, die sich bedenklich in die Länge gezogen hatte; ein Freund von ihm, der Junggeselle war und ein Geschäft in einer Quergasse von Chesterton Mansions hatte, hatte ihn zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Diese hatte im „Roten Löwen“ in Maida Vale begonnen und war nach Schließung dieses populären Lokales in der Junggesellenwohnung des Freundes fortgesetzt worden. Die Haupterfrischung war irländischer Whisky gewesen, und Mr. Markham war sich des Einflusses dieses Getränkes auf die Balancierfähigkeit ganz bewußt, als er gegen halb vier Uhr morgens heimwanderte. Er nahm den Weg durch Chesterton Mansions aus dem Grunde, weil diese Straße eine unerklärliche Anziehung auf seine Beine auszuüben schien, doch ohne daß diese irgendwelche Parteilichkeit für eine bestimmte Seite derselben zeigten; und er hatte sich eben an einem Laternenpfahl auf dem linken Trottoir verankert, als die Nachtruhe von etwas anderem als dem Trommelwirbel, den seine Stöckel auf dem Pflaster vollführten, unterbrochen wurde. Ein Auto kam nach Chesterton Mansions gesaust und hielt vor dem Hause gegenüber von Mr. Markhams Laternenpfahl. Mr. Markhams irrender Blick hatte soeben konstatiert, daß es das Haus Nr. 48 war. Jetzt sah er zwei Herren mit aufgestellten Rockkragen aus dem Auto steigen und mit großer Anstrengung zwei andere herausheben, die in beträchtlich schlimmerer Verfassung schienen als Mr. Markham selbst. Sie konnten faktisch nicht auf den Beinen stehen. Mr. Markham glaubte zu sehen, daß sie in irgendein exzentrisches Kostüm gekleidet waren. Der Kontrast zwischen den Evolutionen der vier Herren und seiner eigenen sicheren Position am Laternenpfahl erfüllte ihn mit einer Befriedigung, die in einem herzlichen Lachen Ausdruck fand.
„Mi—mir scheint, die haben g—genug,“ sagte Mr. Markham.
Die Laterne, unter der Mr. Markham stand, war ausgelöscht, und Mr. Markham erregte daher nicht die Aufmerksamkeit der vier Herren. Jetzt sprang der Chauffeur ab und übernahm den einen der beiden übererfrischten Herren, während einer der Herren, die zuerst ausgestiegen waren, das Haustor von Nr. 48 öffnete. Der Mann, den der Chauffeur stützte, fiel seinem Helfer in die Arme, und verlor dabei einen weißen Turban, der auf das Trottoir rollte.
„Der ist wohl auf einem Ma—maskenball gewesen,“ sagte Mr. Markham. „Mir scheint, der hat genug. Und jetzt trei—treiben sie es, scheint mir, noch weiter!“
Jetzt öffnete sich die Haustüre, und ein mühsamer Transport begann, dem Mr. Markham unter großer Heiterkeit zusah. Schließlich kehrte der Chauffeur allein zurück, schloß das Tor und fuhr im Auto fort, ohne Mr. Markham gesehen zu haben.