Es lag ein eigentümlicher Ausdruck der Spannung in den Augen des Fremden; und wenn Allan aufgeblickt hätte, hätte er sehen können, wie sein Visavis dem Kellner eine eigentümliche Grimasse schnitt: ein Vorschieben der Lippen und zwei kurze Signale mit dem Kopf in der Richtung nach Allan. Aber Allan hatte kein Auge für diese Grimasse, und ebensowenig sah er, was darauf folgte: Der Kellner drehte hastig den Kopf, fixierte ihn und zog die Augenbrauen in die Höhe, wobei er den Mann mit dem goldgefaßten Zwicker ansah. Dieser formte hastig ein Wort mit den Lippen, das der Kellner offenbar verstand, denn er zog die Augenbrauen noch höher, und zum ersten Male während des ganzen Mittagessens zitterte seine Hand. Das Ganze hatte kaum fünfzehn Sekunden gedauert. Allan, der noch überlegte, ob er seinem Tischkameraden die Episode mit der unbekannten Dame in Hamburg mitteilen sollte, sah endlich auf.
„Eigentlich hatte ich einen Grund,“ sagte er, „mein Gepäck so im Stich zu lassen, aber — nun ja, ich weiß nicht recht, ob ich wagen kann, ihn Ihnen zu erzählen. Aber es ist derselbe Grund, der mich veranlaßte, diesen Expreßzug zu nehmen — und der ist etwas delikater Natur.“
Der Herr mit dem Zwicker konnte gerade noch dem Kellner, der aufmerksam gelauscht hatte, eine fast unmerkliche Geste machen, bevor dieser mit den Schüsseln wieder verschwand. Dann hob er sein Glas.
„Gestatten Sie mir, zu fragen, ob Sie Bordeaux oder Burgunder vorziehen,“ sagte er.
Sie blieben nach dem Dessert noch etwa eine halbe Stunde sitzen und nippten an ihrem Kaffee, während der Zug weiter durch den klaren Herbsttag brauste. Allan empfand mehr und mehr Interesse für seinen Reisekameraden; er war unterhaltend, originell, offenbar viel gereist und wußte Geschichten aus allen Ecken und Enden Europas zu erzählen. Hie und da kam er wieder auf sein Erstaunen über Allans Art, einfach von seinem Gepäck fortzufahren, zurück, und Allan fühlte sich mehr und mehr befriedigt von sich selbst. Einmal verschwand er für einen Augenblick und wechselte in der äußeren, nunmehr leeren Wagenhälfte einige Worte mit dem Kellner, ohne daß Allan dies beachtete oder weiter daran dachte. Als er zurückkam, begann er eine Geschichte, die Allan Gelegenheit gab, seine Theorie, daß er ein Schauspieler sein müsse, zu bestätigen; er erwähnte sogar flüchtig seinen Namen — Ludwig Koch. Allan erwog eben, ob es korrekt sei, sich vorzustellen oder nicht, als der Zug in eine große Station einfuhr, wo er langsamer wurde und stehen blieb. Der Mann mit dem Zwicker lehnte das Gesicht an die Fensterscheibe, während man dem Perron entlang rollte. Mit der Hand über den Augen musterte er rasch die Menschen auf dem Perron; offenbar erkannte er jemand, denn ein leichter Ausruf entschlüpfte ihm. Er erhob sich von seinem Platz, nickte Allan zu und eilte hinaus.
„Komme gleich wieder!“ rief er.
„Fahren Sie nur nicht von Ihrem Gepäck weg, wie ich,“ rief Allan zurück.
Der Mann mit dem Zwicker verschwand ohne weitere Repliken. Zu Allans Erstaunen waren nach seinem Abgang kaum fünfzehn Sekunden verstrichen, als der Zug mit einem Ruck aus der Station hinausrollte, deren Namen Allan nicht bemerkte, so sehr war er damit beschäftigt, nach seinem Tischgenossen auszulugen. Er sah keine Spur von ihm auf der Plattform; er mußte also in eines der Coupés weiter vorne aufgesprungen sein. Allan drehte den Kopf dem Eingang des Speisewagens zu, bereit, Herrn Koch mit einem Glückwunsch zu begrüßen, daß die Sache noch gut abgelaufen war, aber es vergingen ein und zwei Minuten, ohne daß Herr Koch sich zeigte. Allan setzte sich wieder auf seinen Platz zurecht und begann die Landschaft zu betrachten.
Der Zug rollte jetzt durch einen Fabrikdistrikt. Man sah nur hohe Schlote, von denen der fette Rauch in langen, schweren Streifen, die Meertang glichen, über den blauen Himmel wogte; graugelbe Fabrikfassaden, Massen von Seitengleisen, wo schmutzigrote Güterwagen angehäuft standen. Gras und Unkraut wucherte mager und gelb, als hätte es Fieber; die Schlackenhaufen türmten sich darum wie um einen Krater. Das Ganze war beklemmend, trostlos. In einer solchen Umgebung zu existieren, für sein ganzes Leben lang an ein solches Gefängnis gebunden zu sein ... Allan schauderte. Er sah zu dem abenteuerblauen Septemberhimmel empor und freute sich, in diesem Wagen zu sitzen, der in taktfesten Wellenbewegungen dahinrollte, und er zitierte halblaut und pathetisch vier Zeilen von Snoilsky, die den Unterschied zwischen einem Passagier erster Klasse und einem Lokomotivführer hervorheben. Dann fiel ihm wieder Herr Koch ein, und er klopfte dem Kellner.
„Ich möchte zahlen, Ober. Ich muß dann hineingehen und mich nach meinem Freunde umsehen.“