Allan blieb eine Minute in der Türe stehen, bevor er sich entschloß, einzutreten. Was in aller Welt? Er war gar nicht da? Sehen wir mal, sein Gepäck ... Es war auch kein Gepäck da! Nur eine ganz diminutive Handtasche. Plötzlich kam ihm eine blitzartige Erinnerung: Es war ja auch zu der Zeit, als Herr Koch noch im Coupé saß, kein anderes Gepäck dagewesen. Herr Koch reiste fast ebenso ohne Gepäck wie er selbst ... Er fuhr aus seinen Gedanken bei dem Laut diskreter, beinahe schleichender Schritte im Korridor auf. Bei allen Göttern, war das nicht schon wieder der Speisewagenkellner!
Diesmal berührte seine Anwesenheit und sein blitzschnelles Hineinblicken in Allans Coupé diesen als so unnötig, ja geradezu eigentümlich, daß er von seinem Platz aufsprang und in den Korridor hinausstürzte, um mit dem dienenden Bruder ein Wörtchen zu sprechen. Aber dieser war schon in den nächsten Wagen verschwunden, und Allan kehrte mit gerunzelter Stirne zu seinem Platz zurück. Ein paar Augenblicke dachte er daran, den Schaffner aufzusuchen und mit ihm über Herrn Kochs Schicksal zu beratschlagen; dann beschloß er, sich einen blauen Teufel darum zu scheren — er kannte den Mann ja gar nicht — und versank in das Studium des einzigen Gepäckstückes, das dieser, abgesehen von der diminutiven Handtasche auf dem Sofa zurückgelassen hatte, einen illustrierten Katalog einer Zauberfirma in Berlin.
Es war ungefähr fünf Uhr, als der Zug in die Bahnhofshalle von Köln rollte, wo Allans erstes wirkliches Abenteuer begann. Er vergaß nachher nie das Nachmittagssonnenlicht, das die gewaltige Halle mit gelben Staubgürteln durchzog. Der breite Perron war voll von Menschen, die durcheinanderwimmelten, von Zeitungs- und Bücherkiosken, von Verkaufsständen, wo man Bier, Bananen und Bäckereien bekam. Eine alte Vettel, im Hinblick auf die Gestalt von frappanter Aehnlichkeit mit einem Ballon captif, im Begriffe, die Vertauungen zu lösen, hatte die Rolle des Blumenmädchens übernommen. Allan zog den Kopf vom Coupéfenster zurück und streckte die Hand zum Netz nach seinen einzigen Gepäckstücken aus — einem Hut und einem Stock (der Ueberrock war in Hamburg geblieben). Er wollte aussteigen, um seine Beine ein bißchen auszugraden. Eben hatte er den Hut auf den Kopf gesetzt, als die Türe seines Coupés von drei Gestalten verdunkelt wurde. Der vorderste trug einen diskreten zivilen blauen Sakkoanzug; hinter ihm gewahrte Allan zu seiner unaussprechlichen Verwunderung einerseits den weißbejackten Kellner aus dem Speisewagen, andererseits einen kolossalen behelmten Schutzmann.
Allans erster Impuls (wie wahrscheinlich auch der des Lesers) war, einen Schritt zurückzutreten, während er das Trio anstarrte; er hatte Zeit zu einem Schritt, aber nicht zu mehr, denn offenbar befürchtend, daß er zum Fenster hinausspringen könnte, stürzten der Mann in Zivil und der Polizist auf ihn los, legten jeder eine Hand auf seine Schulter und riefen mit Stentorstimme:
„Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!“
Allan war zu betäubt, um an Widerstand zu denken. Der einzige Gedanke, den er formulieren konnte, war: Was zum Teufel soll das heißen? Ist das die Rache der Akzeptanten? Lassen sie mich durch diese Schergen heimholen? Nun tat der Zivilist (ein schwammiger Herr mit schwitzenden Händen) seinen Mund auf und sagte hohnvoll:
„Machen Sie kein so erstauntes Gesicht, mein lieber Benjamin Mirzl! Man weiß schon, daß Sie sich verkleiden können. Aber es gibt Leute, die Ihre kleinen Kniffe durchschauen. Kommen Sie ohne Aufsehen mit. Sie können sich dieses Mal einen Träger für Ihr Gepäck ersparen.“
„Gepäck? Das ist nicht meine Tasche,“ gelang es Allan hervorzustoßen.
„Natürlich nicht! Haha, natürlich nicht!“
„Mein Gepäck steht in Hamburg,“ schrie Allan außer sich, während eine dunkle Ahnung des Zusammenhanges sich aus den Nebeln in seinem Innern kristallisierte.