„Gekannt? Habe den Kerl noch nie im Leben gesehen. Es ist das erstemal, daß ich im Ausland bin.“
„Hm, ja, ich kann ... nun schön, dieser Mann — Aber warten Sie, Sie sollen die Geschichte aus erster Hand hören.“
Der Polizeirichter drückte auf einen Knopf, gab einem Bediensteten eine Weisung und begann in der Erwartung, daß sie ausgeführt werde, wieder in dem Album mit den vielen Photographien zu blättern. Hie und da schob er die Unterlippe auf halbem Wege zur Nase hinauf, offenbar in tiefe Grübeleien versunken. Von Zeit zu Zeit fanden diese in einem gedankenvollen p—r—m, p—r—m Ausdruck, das an den Ton erinnerte, den eine Kindertrompete von sich gibt, wenn ihr kleiner Besitzer hineingespuckt hat. Plötzlich öffnete sich die Türe, und der Bedienstete kam mit jemand herein, der sich als der Speisewagenkellner von vorgestern entpuppte. Der kleine Polizeirichter schnitt die untertänigen Bücklinge des Sangmeds mit einer Geste ab und sagte kurz:
„Erzählen Sie. Erklären Sie dem Herrn die Sache.“
„Ach, gnädiger Herr, es ist ein Irrtum, ein furchtbarer Irrtum. Man hat mich beschwindelt, man hat mich betrogen, gnädiger Herr. Es war der Herr, der an Ihrem Tische gespeist hat — hol’ ihn der Teufel. Gerade als ich dem gnädigen Herrn den Fisch serviert habe, machte mir der andere Herr Grimassen: Sehen Sie den Herrn an, das ist ein durchgegangener Verbrecher — ganz vorsichtig, so daß der gnädige Herr nichts gemerkt hat. Ich sah den gnädigen Herrn an und hörte, wie der gnädige Herr sagte, daß er von seinem Gepäck und allem fortreisen mußte; und der andere Herr nickte mir nur immer zu — der Teufel soll ihn holen. Auf einmal kommt er zu mir hinaus in den rückwärtigen Teil des Wagens und sagt: Der Herr an meinem Tisch ist kein anderer als Mirzl selbst.“
„Aber wer ist denn dieser Mirzl?“ rief Allan, dem nun schon zum dritten Male dieser Name ins Gesicht geschleudert wurde. Statt aller Antwort reichte der Polizeirichter ihm stumm das Album mit den vielen Bildern und eine zwei Tage alte Berliner Zeitung. Da fand er fett gedruckt die Ueberschriften: — Großer Hoteldiebstahl in Berlin W. — Benjamin Mirzl wieder in Aktion — der Betrag über siebzigtausend. — Mirzl entkommt im Auto. — Und im Album fand Allan eine Serie Photographien en face, im Profil, von rückwärts, einen dreißigjährigen Herrn darstellend, an dessen Züge er sich dunkel zu erinnern glaubte, vermutlich aus irgendeiner illustrierten Zeitung. —
„Unser größter Schwindler,“ sagte der Polizeirichter. „Er ist noch nie gefaßt worden, aber diesmal ist er mit knapper Not entwischt und mußte das meiste im Stich lassen.“
„Das war am Tage, bevor ich mit dem Expreß abreiste!“ rief Allan.
„Ja, so war es.“
Der dienende Bruder setzte unverdrossen seinen Bericht fort.