Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser,
alias .....
(nach Belieben von Ihnen selbst auszufüllen.)“

P. S. Daß ich Ihren Namen in Erfahrung gebracht habe, werden Sie hoffentlich nicht übelnehmen.“

Wie oft Allan, mitten im Gewühl der Jülichstraße stehend, diese Epistel durchlas, ist ungewiß. Schließlich sahen doch die Passanten dieser Straße, wie er sich aufraffte, den Brief in die Tasche steckte, einen Polizisten über irgend etwas befragte und in der Richtung zum Bahnhof forteilte. Es war über vier Uhr; er hatte eine knappe Stunde, um den Zug zu erreichen, über dessen Abgang er eben den kölnischen Wächter des Gesetzes konsultiert hatte. Diese Stunde mußte genügen, um seinen Magen nach den Prüfungen im Arrest zu befriedigen.

„Es fängt an!“ murmelte Herr Kragh für sich. „Das war ja eine feine Reisegesellschaft, die ich hatte! Auf diese Weise sind die Koffer also fortgekommen. Nun wollen wir vor allem das tun, was Hermann Bergius als das oberste und unveräußerlichste Menschenrecht erklärte — Frühstück essen. Es ist spät und wohlverdient. Und dann auf nach London, um mit Herrn Benjamin Mirzl Bekanntschaft zu machen! Das dürfte interessant sein.“

III
Das große Hotel

Einmal hatte Allan die größte der großen Turbinenanlagen in Südschweden besucht. Es war ihm, als wäre er in ihre maschinendruckvibrierende und dröhnende Luft gekommen, als er am 11. September spät abends in London eintraf.

Er rieb sich die Augen, wie er da in seinem Taxi saß. Das war eine Stadt! Hier mußten die Abenteuer zu Hause sein; hier mußten sie gerade an jeder Straßenecke lauern. Was war dagegen Hamburg und Köln! Was war die unbeschreibliche Atmosphäre von jagender Eile, raffiniertem Luxus und unerhörtem Geldzustrom, die sein Eindruck des Luxuszuges von Köln nordwärts war, gegen dieses London! Schon die Luft war neu, eine phantasiereizende Mischung von tausend Ingredienzien: Dem Geruch des heißen Steinpflasters, von parfümiertem Virginiatabak, Benzindämpfen der zahllosen Autos, deren Gummiräder über den spiegelblanken Asphalt zischten; dem Duft des parfümierten Reichtums der ganzen Welt und all ihres unaussprechlichen stinkendsten Elends. Die Häuser jagten wie im Traum an seinem Auto vorbei; gigantische Fassaden verloren sich nach oben zu in der nebligen Abendluft; es flammte und zuckte von unzähligen Lichtern; die Reklamen krochen wie regenbogenfarbene Schlangen die Mauern auf und ab; der Himmel über den offenen Plätzen brannte schlackenrot wie vom Widerschein einer kolossalen Feuersbrunst oder dem Ausbruch eines Riesenkraters. Und der Menschenstrom brauste und brauste. Das Auto, das Herrn Allan Kragh aus Schweden auf der Suche nach Abenteuern und eventuell einer Zukunft umschloß, eilte lautlos durch das Gewirr, vermied es zu kollidieren, vermied es, jemand zu töten, zog hier und da an einer Straßenecke eine augenblickliche Ritze durch die Menschenfluten; stürzte dahin, scheinbar ebenso sinnlos, wie die tausend anderen Autos, denen es begegnete, hundertmal schneller als die dahinströmenden Menschenfluten, aber ebenso sinnlos. Plötzlich bog es in einen offenen Platz, der weniger lichtflammend war, als die vorhergehenden Straßen und hielt vor einer Fassade, an der die Lichter sich zu einem gewaltigen Feston zusammengeballt hatten. „Grand Hotel Hermitage“ sagten die Lichtkränze; der Chauffeur wiederholte es, indem er die Türe des Autos aufriß, und Herr Allan Kragh ging über eine breite Treppe hinauf, in eine große Halle, die nach dem Souza-Marsch der Straßen unerhört still wirkte — die ungeheure Drehtüre des Vestibüls schnitt den Lärm der Außenwelt ab wie eine Klosterpforte.

Das war also das berühmte Grand Hotel Hermitage. Hundertmal hatte Allan diese drei Worte im Henschel, Bradshaw und den großen ausländischen Zeitungen gesehen; jedesmal hatte er gedacht: Wer doch da wäre; und als er nun auf seiner großen Reise vom Zufall und Herrn Mirzl nach London verschlagen wurde, da war es ihm ganz selbstverständlich erschienen, dem Chauffeur die Adresse des großen Hotels anzugeben.

Auf dem Wege von Köln hatte Allan sich in Belgien mit den notwendigsten Reiseeffekten versehen — man durfte vielleicht Herrn Mirzls Versprechen nicht allzu ernst nehmen; aber andererseits wäre es töricht gewesen, sich mit einer doppelten Ausstattung zu belasten; und er war folglich nicht ganz gepäcklos, als er, den Hotelträger hinter sich, durch die Drehtüre eintrat. Dennoch war es nur natürlich, daß der ernste Portier des Luxushotels (dessen Figur am ehesten an eine Benediktinerflasche erinnerte) ihn mit einer etwas herablassenden Nuance im Ton empfing. Hinter dem Portier bemerkte Allan im Kontor einen vierschrötigen Herrn mit graugesprenkeltem Yankeebart ohne Schnurrbart, der Direktor des Hotels, wie er später erfahren sollte. Hätte der Direktor und der Portier die Ereignisse vorausahnen können, die sich während Allans Aufenthalt im Grand Hotel Hermitage abspielen sollten und die Rolle, die Allan darin zu spielen bestimmt war, hätten sie ihn vermutlich mit Grüßen ganz anderer Art aufgenommen als die, mit denen der Portier Allan jetzt empfing.

„Das ist Ihr ganzes Gepäck, Sir?“