„Ja. Ich erwarte noch mehr. Ich möchte ein Zimmer haben.“
Der Portier musterte ihn noch einen Augenblick, und weichere Gefühle erlangten die Oberhand.
„Kleines Zimmer für diesen Gentleman, Jones. Ist 417 frei?“
Es stellte sich heraus, daß 417 frei war. Ein uniformierter magerer junger Mann übernahm Allans unbeträchtliches Gepäck und geleitete ihn zum Lift. Dieser machte sich mit der würdigen Langsamkeit eines alten Herrschaftsdieners auf den Weg und blieb mit derselben Würde im vierten Stock stehen. Der uniformierte Herr führte Allan über einen teppichbelegten Korridor in das kleine Gemach, das geeignet befunden worden war, ihn zu beherbergen. Es war wirklich klein, das heißt, in der Breite, denn die Höhe ließ nichts zu wünschen übrig. Es wurde zum größeren Teil von einem Bett und einem Toilettetisch ausgefüllt und erinnerte infolge seiner architektonischen Gestalt in hohem Grade an eine Grabkammer in einer ägyptischen Pyramide. Dahinter befand sich, wie Allan sah, ein Badezimmer. Aber Allan hatte von Hermann Bergius gelernt, daß nichts gleichgültiger ist, als das Zimmer, das man auf seinen Reisen bewohnt, da man sich ja doch nie in wachem oder nüchternem Zustande darin aufhält. Er erklärte sich folglich mit der ägyptischen Grabkammer zufrieden, drückte dem uniformierten Herrn einen Schilling in die Hand und ging dazu über, Toilette zu machen.
Als er eine halbe Stunde später, ohne sich wegen seines Reiseanzuges zu genieren, in den Speisesaal des großen Hotels wanderte, fand er Gelegenheit, zu konstatieren, daß nicht nur die Zimmer für Reisende mit unbedeutendem Gepäck klein sind, auch die Welt selbst ist überaus klein. Ja, offenbar, denn als er sich an einem Tisch niedergelassen, die Speisekarte verlangt hatte und sich im Speisesaal umzusehen begann, wen erblickte er an dem Nebentisch rechts, wenn nicht die Dame, die ihn vom Hamburger Bahnhof in die Welt hinausgelockt hatte, und als ihren Kavalier den alten Herrn mit der Raubvogelnase und dem gelbgrauen Schnurrbart.
Allan fixierte sie überrascht. Es war unleugbar kurios, dieses Paar gerade hier zu treffen! Es gab doch tausend Hotels in London. Nun, es war natürlich ein Zufall, aber ... das Freundschaftsbündnis, das er im Expreß beginnen gesehen und zu dem er selbst teilweise die direkte Ursache gewesen, war offenbar von nachhaltigerer Art geworden, als Reisebekanntschaften zu sein pflegen. Er konnte die alte Bordeauxnase gut verstehen ... trotz des Grolls, den er noch gegen die junge Dame wegen ihres Auftretens im Coupé hegte, mußte er sich selbst gestehen, daß sie eine Messe wert war ... sie schien ihm sogar mehrere Messen wert. Es bedurfte der Phantasie einer Pariserin, dachte er, um sich eine solche Toilette, wie sie sie heute abend trug, auszudenken, und der Courage einer Amerikanerin, um sie zu tragen. Seine Blicke irrten über die Linie des Ausschnittes um ihren weißen Busen, der so herausfordernd entblößt war wie auf einer Zeichnung von Rops, und wenn sie nicht da umherirrten auf der Grenzlinie zwischen der weißen Haut und der grünen Seide, ist es möglich, daß sie etwas weiter hinabschweiften, wo der knapp anliegende Rock fast bis zum Knie aufgeschlitzt war ... Welche Linie ist mystischer und verlockender zu verfolgen als die Linie einer schönen Frauenwade? Namentlich wenn sie von einem Strumpf von jener diskreten Durchsichtigkeit umschlossen ist, wie sie Madame offenbar bevorzugte ... Die Wellenlinie ihrer Wade zeichnete sich durch den grünen Strumpf ab wie Marmor durch den adriatischen Wasserspiegel. Allan starrte, ganz im klaren darüber, daß er zudringlich war, und plötzlich drehte Madame den Kopf nach Allans Seite (sie saß im Halbprofil) und ließ den Blick über ihn hingleiten; Allan sah, daß sie ihn erkannte. Im selben Augenblick stand der Kellner an seinem Tisch, mit Speisekarte und Weinliste, und er war genötigt, seine Augen von ihr loszureißen.
Wer konnte sie sein, und wie kam es, daß sie in dieser Gesellschaft hier war? Diese Frage summte Allan im Kopf, während er ein paar Gerichte der Speisekarte und einen Bordeaux von der Weinliste wählte. Der Kellner verschwand, und er hatte die Aussicht auf den anderen Tisch wieder frei.
Man sprach dort ziemlich eifrig. Ueber ihn? Nicht unmöglich, denn eine flüchtige Sekunde flog ihr Blick wieder zu ihm hinüber; der alte Herr mit der Raubvogelnase bekundete hingegen kein Interesse für ihn, wenn nun wirklich über ihn gesprochen wurde. Allan nahm seine bewundernde Betrachtung ihrer Person wieder auf, ohne daß sie sie nunmehr zu berühren schien, und war noch damit beschäftigt, als der Kellner mit der Omelette und dem Wein, den er bestellt hatte, erschien. Er machte einen Schluck aus seinem Glas und begann zu essen, während seine Gedanken von dem geheimnisvollen Paar dort drüben zu Herrn Benjamin Mirzl schweiften. Plötzlich kam es ihm, eigentümlicherweise zum erstenmal, zum Bewußtsein, daß er gerade dieses Trio in seiner Gesamtheit — den alten Herrn, die junge Dame und Herrn Mirzl — vor dem Billettschalter in Hamburg gesehen hatte. Allerdings schienen sie damals ganz unabhängig voneinander, aber ... Herr Mirzl war ein internationaler Schwindler, wenn auch vielleicht ein exzentrischer, wohlwollender; waren die beiden anderen von derselben Sorte? Das war natürlich nicht ausgeschlossen, und Allan beschäftigte sich mit dieser Möglichkeit, während er vom Poulard und Bordeaux zum Dessert und einem Glas Madeira überging (man mußte doch die Bekanntschaft mit der Mutter aller Städte feiern), aber verwarf sie nach dem zweiten Glas Madeira als unwahrscheinlich. Er bestellte Kaffee und Likör, wobei das Wesen des Kellners ebenso milde zu werden begann, als wenn er im evening-dress gewesen wäre, und blieb bei diesen angenehmen Getränken sitzen, auch als das Paar, das ihn intrigierte, den Speisesaal verlassen hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung sah er, als die Rechnung beglichen wurde, daß sie für beide bezahlte; der alte Herr war also offenbar von ihr eingeladen. Kontinental, dachte Allan. Sie passierten seinen Tisch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens — oder sah er recht, als er ein kleines Blinzeln zu merken glaubte, die Ahnung eines spöttischen Lächelns in ihren Augen? Es war unmöglich zu entscheiden.
Um halb elf Uhr, als Allan sich zu einem Abendspaziergang mit Zigarre durch London entschlossen hatte, zeigte es sich, daß die Stadt ihrerseits entschlossen war, seine Ankunft mit einem undurchsichtigen, gelbgrauen, brandrauchduftenden Nebel zu feiern, der zur Folge hatte, daß er (nach zwei Whisky mit Soda, zu Ehren der Riesenstadt) in der ägyptischen Grabkammer zu Bette ging. Er schlummerte sofort ein und schlief wie ein Stück Holz.
London ist eine wunderbare Stadt, voll Ueberraschungen, unerforschlich wie das Menschenherz, mehr Dinge bergend als die Philosophie sich träumen läßt oder Baedeker in seinen roten Büchern mit Sternen bezeichnet hat. Und Herr Allan Kragh fand in seinem bescheidenen Maße Gelegenheit, diese Binsenwahrheiten schon im Laufe des folgenden Tages bestätigt zu finden. Die Nebel des Abends waren von einem sanften Sonnenschein, der von einem milden, veronikablauen Himmel erstrahlte, abgelöst, als er am Vormittag seine Streifzüge vom Grand Hotel Hermitage antrat, und, Goethe gehorchend, ins volle Menschenleben der Straßen hineingriff. Seine Streifzüge gehen jedoch diese wahrheitsgetreue Erzählung nichts an, und wir begnügen uns damit, den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen, als er gegen ein Uhr nachts ins Grand Hotel Hermitage heimkehrte. Da beschäftigten ihn nicht die Geheimnisse von London, sondern das Geheimnis Benjamin Mirzl.