Was hatte Herr Mirzl mit dem Brief beabsichtigt, den er Allan durch einen seiner Helfershelfer vor zwei Tagen in Köln hatte zustecken lassen? Ein Bluff? Aber warum? Konnte einem Herrn seines Schlages etwas derartiges Spaß machen? Es war ja denkbar, aber paßte nicht zu der Vorstellung, die Allan sich von Herrn Mirzl gemacht hatte. Es war ja auch möglich, daß dieses Vorstellungsbild Herrn Mirzl ebensowenig ähnlich sah, wie dieser sich selbst in seinen verschiedenen Verkleidungen. Auf jeden Fall: Schlag neun Uhr, eine Stunde vor der angegebenen Zeit, hatte sich Allan in dem von Mirzl bezeichneten Kaffee „The Leicester Lounge“ eingefunden. Seine Londoner Eindrücke waren dadurch um noch einen vermehrt worden, aber als er gegen halb ein Uhr aus dem Kaffee hinausgeworfen wurde (Polizeivorschrift), war dies auch seine einzige Ausbeute. Dem Kaffee hatte sein dreiundeinhalbstündiger Besuch etwas mehr Ausbeute gebracht. „The Leicester Lounge“ erwies sich als ein Kaffee von der Art, wo Maria Magdalena auch vor ihrer Reue Zutritt hat. Es gab dort ein paar Dutzend Magdalenen vor der Bar und ein halbes Dutzend innerhalb derselben. Der Raum im übrigen, der sehr beschränkt war, wurde von dem leichtlebigen männlichen London in Anspruch genommen. Die Losung sowohl für das leichtlebige männliche London wie für die Direktion des Lokales war fixe Expedition. Das größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Anzahl: ein schöner Leitsatz. Die Zirkulationsgeschwindigkeit war bewunderungswürdig: Entree, ein Drink, Bekanntschaft, noch ein Drink, Sortie. Herren, die keine Bekanntschaften machten, wurden über die Achsel angesehen. Herr Allan Kragh wurde über die Achsel angesehen. Es nützte nichts, daß er, so oft das dunkle Auge des Kellners ihn traf, einen Drink bestellte, oder daß eine unbestimmte Anzahl Magdalenen sich an seinem Tisch bezechten; er blieb sitzen und wurde folglich über die Achsel angesehen. Und Herr Mirzl kam nicht. Oder gab sich wenigstens nicht zu erkennen. Konnte es ihn amüsieren, Allans drinkerfüllte Erwartung in einer Verkleidung zu beobachten? Konnte er (da war der Kellner mit dem Auge schon wieder — Whisky and soda, please!) — konnte er vielleicht von der weltlichen Gerechtigkeit arretiert sein? Die Polizisten Londons waren ja so flink. Reichte Herrn Mirzls Schlauheit nicht hin, um sie zu überlisten? Sherlock Holmes, you know. Auf jeden Fall (Whisky and soda please, der Kellner mit dem Auge) — reichte sie für Allan Kragh aus. Nach einer dreiundeinhalbstündigen Whisky-Orgie verließ Herr Allan Kragh (auf Grund der polizeilichen Bestimmungen und Müdigkeit in der Kehle) The Leicester Lounge, durchdrungen von der eben erwähnten Ueberzeugung.

Und das erste, was er in der ägyptischen Grabkammer Nr. 417 erblickte, waren seine ehrlichen schwedischen Handkoffer. Es fehlte nicht viel, und er hätte geglaubt, eine Säufervision zu haben.

Aber faktisch; da standen seine beiden Handkoffer, der aus braunem Rindsleder und der aus eisenbeschlagenem Holz ... Sein Klingeln rief in weniger als einer Minute einen uniformierten Herrn in die Grabkammer hinauf.

„Diese Koffer?“

„Wurden heute abend um halbzehn Uhr von einem Träger abgegeben, Sir. Es liegt ein Brief an Sie auf dem Toilettetisch, Sir. Wünschen Sie noch etwas, Sir?“

Allan machte eine stumme Handbewegung. Jetzt wurde die Sache aber doch zu mystisch. Wie in — — konnte Herr Benjamin Mirzl denn wissen, wo er wohnte. — Er stürzte sich über den Brief auf dem Tisch, ohne seine verwirrten Fragen zu Ende zu denken. Er enthielt zwei Schlüssel und folgende Zeilen:

„Lieber Herr Kragh! Entschuldigen Sie, daß ich Sie vergeblich in The Leicester Lounge warten ließ. Business, you know; unmöglich für mich, abzukommen. Hoffe, Sie waren nicht gezwungen, allzu viele Whisky mit Soda zu nehmen; kenne das Lokal; sollte mir leid tun. Füge die Schlüssel bei, die ich während der Zeit, als ich Ihr prächtiges Gepäck inne hatte, zu verwenden pflegte; hoffe, Sie können sie als Reserveschlüssel brauchen; danke Ihnen nochmals für die freundliche Ueberlassung des Gepäcks; bitte Sie um Entschuldigung wegen all der Mühe, die ich Ihnen verursacht habe und verbleibe in aller Eile

Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser,
alias ......
(nach Belieben auszufüllen.)“

Es ist unnötig, die Ausrufe, Fragen und Gesten zu verzeichnen, mit denen Allan Kragh diese Epistel kommentierte. Das Leben ist kurz, wie schon Mark Twain sagte; es war drei Uhr, als er sich nach der dritten Visitierung der Koffer — nichts fehlte — und der achtundneunzigsten Lektüre von Benjamin Mirzls Brief zu Bett legte. Es dauerte noch eine Stunde, bis er einschlief, und als er es tat, war sein Schlummer unruhig.

Er hätte gar zu gerne Herrn Mirzl getroffen.