„Ich glaube, du hast von ihr gesprochen, Mama.“
„Ich? Nie im Leben. Ich spreche von solchen Personen nicht. Andere Menschen haben vielleicht mit dir von ihr gesprochen ... Vor vier Jahren sprachen alle Leute von ihr, obgleich sie sich schämen sollten, überhaupt von so etwas zu sprechen.“
„Aber Mama!“
„Sch! Ich weiß, was ich sage. Dash it, ich sollte gar nicht zu dir von ihr sprechen, Helen. Sie war mit dem Obersten Langtrey in Boston verheiratet und eine große Modedame. Kurz bevor Langtrey starb, hatte sie einen gräßlichen Flirt mit einem französischen Windbeutel, der sich Baron nannte oder Marquis oder König. De Citrac hieß er. Langtrey hatte kaum die Augen geschlossen, als sie nach Europa verduftete. Natürlich weiß man, was sie da wollte. Seither hat niemand in Amerika von ihr gehört, obwohl alle von ihr gesprochen haben. Aber ich glaubte sie gestern, als wir kamen, hier im Hotel zu sehen, und nun nach Mr. Crays Beschreibung ...“
Mrs. Bowlbys Rede wurde dadurch unterbrochen, daß die Türe des Lesesalons sich öffnete und jemand hereinkam, in strahlender, rosafarbener Nachmittagstoilette, die um sie rauschte, wie der Schaum um eine schlanke Säule. Sie warf einen eisig gleichgültigen Blick auf Allan, ohne die beiden Damen auch nur zu sehen, und ging mit königlicher Grazie auf einen der Tische mit den illustrierten Zeitungen zu. Sie wählte The Queen aus und versank in einem Lederfauteuil im rückwärtigen Teil des Lesesalons.
„Well!“ Mrs. Bowlbys Interjektion barg eine Welt von Bedeutung — „ist das nicht sie, die ...“
Allan, dessen Augen in dieselbe Richtung starrten, wie ihre steinkohlenschwarzen Aeuglein, zog langsam seinen Blick wieder zurück. Mrs. Bowlby, die diesen Blick gesehen hatte, erhob sich fünf Fuß hoch aus ihrem Sessel.
„Zeit, Tee zu trinken,“ sagte sie. „Wollen Sie mit Helen und mir den Tee nehmen, Mr. Cray? Sie brauchen Schutz und Schirm gegen die Welt, junger Mann, sie ist voll Sünde, und unser eigen Fleisch der Sünde bester Bundesgenosse.“
Allan riß die Tür für sie und Fräulein Helen auf, während er innerlich im stillen bedauerte, daß die Sünde einerseits so verlockend aussehen muß und andererseits nicht immer so geneigt ist, den Menschen zu attackieren, wie die Theologen behaupten.
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