„Um das zu erfahren, habe ich ja die Annonce eingerückt, und da sehen Sie nun das Resultat.“
„Ein Erzgauner,“ bestätigte Mrs. Bowlby noch einmal. Dann unterbrach sie sich plötzlich.
„Sehen Sie!“ flüsterte sie, „sehen Sie, dort, Mr. Cray! John! Wahrhaftig, wird das wilde Tier nicht mit uns anderen zu Mittag essen! Sieh dir doch ihre Kostüme an, Helen!“
Allan drehte sich hastig um und sah ein Bild, das er nicht sobald vergaß. Im Parademarsch kam über die schweren gelben Teppiche des Dinersaales ein Zug von fünf Personen, wie das Grand Hotel Hermitage sie mit Ausnahme eines einzigen, wohl noch nie gesehen hatte. Voran, mit unnachahmlicher angeborener Grandezza schritt ein junger Mann von dreißig Jahren, etwas beleibt, aber von jener Beleibtheit, die Würde gibt. Sein Gesicht war schön oval mit einem kurzen, glänzenden, schwarzen Schnurrbart über einem unzufriedenen Mund. Der Teint war mattbraun, aber kaum dunkler, als der eines sonnverbrannten Sportsmannes. Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad! Er trug europäische Abendkleidung, aber hatte einen glänzenden weißen Turban auf dem Kopf und um den Hals ein breites Band aus grauen Perlen, das er wie einen Orden trug. In dem Turban stak eine Aigrette aus großen funkelnden Smaragden. Einen halben Schritt hinter ihm kam ein alter, ganz und gar englischer Gentleman mit frischer Gesichtsfarbe und buschigem, weißem Schnurrbart. Seine Augen waren klar blau und leuchteten augenblicklich vor Erregung; von welcher Art diese war, verriet sein Mund, der noch größeres Mißvergnügen ausdrückte als der des Maharadschas von Nasirabad. Es war sonnenklar, daß dieser Einzug im Cortège in das Grand Hotel Hermitage ihm als englischem Gentleman nicht gerade zusagte. Offenbar war dies Oberst Morrel, der die Verantwortung für den Maharadscha hatte. Und im Hinblick auf die drei übrigen Personen des Gefolges konnte man seine Gefühle nicht unberechtigt nennen. Ihm zunächst kam ein Hindu, der in Bezug auf die Jahre wohl ein Altersgenosse des Obersten sein konnte, aber dessen Aussehen im übrigen wenig Aehnlichkeit mit dem dieses Militärs hatte. Sein Gesicht, das von sechzig Jahren der Lebenserfahrungen gefurcht war, war lächelnd und freundlich; es wurde von einem gescheitelten, üppigen, grauen Barte umgeben, und Allan begriff sofort, warum Miß Helen mit ihrer amerikanisch-presbyterianischen Phantasie gesagt hatte, er sehe aus wie ein Erzbischof. Denn offenbar war dies die Persönlichkeit, die Mr. Bowlby als den alten Hofdichter und Lehrer des Maharadschas bezeichnet hatte — Ali. Gleich seinem Herrn hatte er sich in europäische Gewandung gehüllt, aber es war offenbar, daß er sie zum ersten Male trug, und ebenso offenbar, daß es ihm kein Vergnügen bereitete. Das einzige Kleidungsstück, das ihm zu passen schien, war der Turban. Hinter ihm kamen die zwei letzten Personen der Eskorte, zwei schwarze Krieger in ganz indischer Tracht, mit kurzen, vergoldeten Krummsäbeln in bunten Gürteln. Ihre schwarzen Augen funkelten beim Anblick des Speisesaales des Grand Hotel Hermitage und seiner Gäste. Aber im übrigen zuckten sie mit keiner Muskel ihrer bärtigen Gesichter, während sie in den Fußstapfen ihres Herrn einem rückwärtigen Tisch des Saales zuschritten. Ein rotbefrackter Oberkellner stand mit einer tiefen Verbeugung daneben; Yussuf Khan, Oberst Morrel und der alte Hofdichter setzten sich, und die schwarzbärtige Leibwache faßte hinter dem Stuhl ihres Herrn Posto. Rings an den Tischen in dem großen Saal schöpfte man tief Atem, und ein leises Gemurmel erhob sich.
Miß Bowlby war die erste an Allans Tisch, die ihren Gefühlen Worte lieh:
„Mama, du kannst sagen, was du willst, aber solche Perlen und solche Smaragden habe ich in meinem ganzen Leben nicht bei Tiffany gesehen!“
„Dacht’ ich mir’s nicht — Helen! Mir scheint, du bist schon verl...“
„Aber Mama, rede doch nicht so! Sei aufrichtig und sage, ob du je so etwas gesehen hast!“
Mrs. Bowlby schluckte eine Portion Gefrorenes, die ihr Inneres für ewige Zeiten vereist hätte, wenn sie keine Amerikanerin gewesen wäre.
Dann kniff sie den Mund zusammen, so daß er ganz im Schatten der Nase verschwand; so geschützt, gab sie zu: