„Stanton Sahib, er hat sich hier drinnen zur Ruhe gelegt. Er weigert sich, meinen weisen guten Ratschlägen Gehör zu schenken.“
Die Folge dieses Rufes war, daß eine dritte Person sich zwischen den Draperien zeigte, ein junger blonder, scharfäugiger Engländer, mit dem denkbar korrektesten Scheitel und dem denkbar reinsten Rasseprofil. Auch er schien in brillanter Laune zu sein. Er puffte lächelnd den alten Hofdichter in die Loge Nr. 5 und kam selbst nach. Dann wandte er sich mit einem tiefen orientalischen Salaam an Allans Begleiter und sagte mit singender Stimme:
„Edelgeborene Feuerfresser, verzeiht diese Zudringlichkeit meiner zwei Schützlinge und meiner selbst, dem unwürdigen Sohn von zehn Generationen von Sklaven! Salaam, edle Feuerfresser! Möge euer Schatten stets zunehmen und eure Widersacher keine andere Speise finden als den Schmutz der Erde.“
Allan beobachtete diesen Auftritt mit offenem Munde. Er blickte in den Saal hinaus, wo der Tanz auf dem Glasboden herumwirbelte, um sich selbst zu bestätigen, daß er wach war. Der Anblick der Tanzenden in dieser phantastischen Beleuchtung trug nicht gerade dazu bei, sein Zutrauen zu seinen Sinnen zu stärken. Yussuf Khan hier in dieser Gesellschaft! Sein mystischer Begleiter aus dem ‚Loch in der Wand‘ war aufgestanden und hatte den Gruß des jungen Engländers mit einigen ebenso orientalischen Wendungen erwidert, indem er erklärte, daß sein Zelt (womit die Loge Nr. 5 gemeint war) der Ehre, die ihm von diesen erhabenen Fremdlingen, deren Aussehen zur Genüge ihre Geburt und ihre Tugenden bezeugte, erwiesen wurde, gänzlich unwürdig sei; doch wenn sie sich in besagtem Zelt niederlassen wollten, wage er ihnen vorzuschlagen, einen Becher elenden und essigsauren Weins zu leeren.
Der junge Engländer sank laut lachend auf einen Diwan und akzeptierte ohne Umstände ein Glas; der alte Hofdichter trank das seine auf einen Zug aus und erhob sich dann. Trotz des Weines stand er ziemlich sicher. Der Maharadscha lag auf seinem Diwan und betrachtete sämtliche Anwesende mit einem Lächeln des äußersten Wohlwollens. Der alte Hofdichter hob die Hand und begann zu sprechen:
„Erhabene Sahibs! Sicherlich ist London die wunderbarste Stadt der Welt. Ihre Schönheit ist märchenhaft, wenn auch von Nebeln verhüllt, und die Tugenden und die Liebenswürdigkeit ihrer Einwohner übertreffen die aller anderen Städte so wie der Koran alle anderen Bücher übertrifft. Wisset (er wendete sich an Allan und seinen Begleiter), erst heute morgens kam ich in Gesellschaft meines jungen Schülers, der uns alle von seinem Diwan mit einem seligen Lächeln betrachtet, hier an. Erst heute morgen trafen wir in dieser Stadt ein, wo wir niemand kannten, und noch vor dem nächsten Morgen haben ich und mein Schüler so viele Freunde gefunden, und sind in diesem Hause der Zehntausend Freuden bewirtet worden, alles durch Stanton Sahibs Verdienst. An diesem Abend, als wir uns von der Tyrannei, die ein alter Sahib, dessen Namen ich nicht nennen will, gegen uns ausübt, befreit hatten, machten mein Schüler und ich uns insgeheim auf einen Streifzug durch London auf (Allan zuckte zusammen), um seine tausend Reize kennen zu lernen, von denen wir in den Lehmhütten, die uns zur Welt kommen sahen, soviel gehört haben. Kaum, o fremde Sahibs, waren wir hundert Schritte gegangen, als wir uns schon verirrt hatten, verwirrt durch die Nebel, die Londons Schönheiten zu verhüllen suchen, und von dem Getöse der zehntausend Feuerwagen. Wir waren verirrt wie die Gottlosen, die die Wahrheit außerhalb des Korans suchen (gepriesen sei sein Name). Wie Abdul Mahbub, mein alter Lehrmeister, singt: ‚Weh dem, der die Wahrheit anderwärts sucht.‘ So verirrt waren wir, als Stanton Sahib, dessen Namen auf dem ganzen Erdenrund gerühmt werden wird, uns auf der Straße sah, sich unser erbarmte (Allan zuckte wieder zusammen), und uns in dieses Haus der Zehntausend Freuden führte. Immer und allezeit wird Stanton Sahibs Name ob dieser Guttat gegen zwei arme Wanderer gepriesen werden. Lasset uns auf Stanton Sahib, den edelsten der Engländer, mit diesem Wein trinken, der frischer ist als Morgentau und kitzelnder als die Lippen eines Weibes. Lasset uns dabei bedenken, was der göttliche Zeltmacher sagt:
O trinke Wein, die Sorgen dir zu brechen,
Die zweiundsiebzig Sekten durchzurechen! —
Nie trenne dich von dieser Alchimie,
Ein Men davon heilt tausend von Gebrechen![2]