„Darf ich einen von Ihnen bitten, zu erzählen, aber so klar als möglich,“ sagte der Kommissar und ergriff die Feder.

„Darf ich, Mrs. Bowlby?“ sagte Allan.

Mrs. Bowlby nickte, indem sie sich triumphstrahlend bereit hielt, alle erforderlichen Randbemerkungen beizusteuern. Allan begann:

„Unmittelbar vor dem Verhör ist mir eine Sache eingefallen, die mir zu denken gegeben hat, Herr Inspektor. Offenbar hat Mirzl und seine Bande über alles, was im Grand Hotel Hermitage vorging, durch Spione genaue Kontrolle ausgeübt. Es können ja Bediente, Kammerjungfern, Kellner, Laufburschen gewesen sein, von denen es hier wimmelt. Durch sie wußten sie Bescheid über die Lokalitäten, und auch, daß ich mich mit der Familie Bowlby, die die Zimmerflucht über Seiner Hoheit hat, angefreundet habe. Sie haben erfahren, daß Mr. Bowlby mit Familie gestern bis spät nachts ausbleiben würde. Diese Sache war schon Freitag bestimmt, und sie haben sofort ihren Coup geplant. Daß er unter normalen Verhältnissen diese Form angenommen haben würde, nämlich daß Mirzl sich gerade in meine Gestalt gehüllt hätte, ist wohl nicht ausgemacht, wenn auch immerhin möglich. Aber nun kam hinzu, daß Mr. Bowlby mich gestern, bevor er vom Mittagstisch aufstand, freundlich aufforderte, ungeniert in sein Rauchzimmer hinaufzukommen, wenn ich Lust hätte, einen Whisky mit Soda zu trinken. Dies war gegen acht Uhr, und Mr. Bowlby versprach sogar, seinen Diener zu verständigen, daß ich vielleicht kommen würde. Frappiert Sie dieses Detail? Wir waren damals allein bei Tisch; es war niemand vom Personal in der Nähe. Sollte Mirzl das im letzten Moment erfahren haben, hat es ihn natürlich in seiner Wahl der Verkleidung bestimmt. Aber wie konnte er es erfahren haben? Wie ich Ihnen schon sagte, war niemand von der Dienerschaft in der Nähe. Aber kurz nachdem Mr. Bowlby mit seiner Familie gegangen war, warf ich zufällig einen Blick nach rechts, von unserem Tisch aus gerechnet; und da, tief im Schatten der Palmen, die diesen Teil des Speisesaales dekorieren, und so gut wie von ihnen verborgen, saß eine Dame, von der Mrs. Bowlby behauptet, daß sie von zweifelhaftem Charakter ist, eine Amerikanerin aus guter Familie, die vor mehreren Jahren aus Amerika durchgegangen ist und sich vermutlich hier in Europa mit einem Abenteurer zusammengetan hat. Ihr Name ist Mrs. Langtrey ...“

„Und heute,“ ertönte Mrs. Bowlbys schrille Stimme wie ein Trompetenton, „heute um halb acht Uhr morgens ist Mrs. Langtrey aus dem Hotel verschwunden, nachdem sie ein Lokal-Expreßtelegramm bekommen hat!“

VIII
Mynheer van Schleetens Erlebnisse

Mynheer van Schleetens Leben hatte seine Wechselfälle gehabt; das Angenehme daran für Mynheer van Schleeten war, daß sie sich in einer stets aufsteigenden Kurve bewegt hatten. Aus einem Unbekannten war er eine europäische Berühmtheit geworden; aus einem armen Schlucker ein reicher Mann, aus einem reichen ein noch reicherer. In dem Jahre, in dem Yussuf Khan von Nasirabad seinen ersten Besuch in dem Weltteil machte, war Herr van Schleeten in demselben der berühmteste Juwelenspezialist. Wie Mr. Bowlby schon Allan Kragh mitgeteilt hatte, hatte er das Diadem angefertigt, das die französische Republik bei einem denkwürdigen Anlaß der Kaiserin von Rußland sandte, und noch ein Dutzend ähnlicher Dinge. Sein Hauptgeschäft war in Amsterdam, aber sein Beruf brachte es mit sich, daß er sich fast ebensoviel in Berlin, Paris und London aufhielt wie in seiner Heimatstadt. In allen diesen Städten hatte er Filialen oder Korrespondenten.

Ende August des obenerwähnten Jahres hatte er in Berlin (wo er sich im Auftrage eines später geadelten Finanzmannes befand, dessen Name mit B. anfängt) einen Brief von seinem Korrespondenten in London erhalten, daß ein gewisser Oberst Morrel seine Dienste für seinen Schützling, den Maharadscha von Nasirabad wünsche. Mynheer van Schleeten, der noch nie mit orientalischen Fürsten zu tun gehabt, aber um so mehr von ihren Juwelen gehört hatte, hatte sich beeilt, das Anerbieten anzunehmen, namentlich da es von einem sehr schmeichelhaften Honorarvorschlag begleitet war. Er teilte seine Freude den Zeitungen mit, die sich in mehreren Notizen mit ihm freuten. Es handelte sich um neue Fassungen und Aenderungen der Edelsteine des Maharadscha. Der junge Fürst war etwas exzentrisch, und war der Dinge, die seit tausend Jahren dasselbe Aussehen hatten, müde geworden.

Anfangs September reiste Mynheer van Schleeten nach Hamburg, wo er ein kleineres Geschäft hatte; und am selben Tage, an dem Herr Allan Kragh aus Schweden in dieser Stadt ankam, verließ Herr van Schleeten sie mit dem Morgenexpreß nach Paris, wohin ihn eine kleine Angelegenheit rief, die ihm gestattete, ganz bequem zur festgesetzten Zeit in London zu sein.

Mynheer van Schleetens Erlebnisse begannen im Expreß.