Er war als Holländer ein phlegmatischer Herr; die Erfolge, die er in seinem fast sechzigjährigen Leben gehabt, hatten dazu beigetragen, dieses holländische Phlegma noch zu erhöhen. Er ereiferte sich selten; er hatte nur zwei Passionen, denen er sich in passender, phlegmatischer Weise hingab. Die eine, die mit den Jahren gekommen war, galt altem molligem Bordeaux; die andere, die mit den Jahren etwas abgenommen hatte, jungen molligen Frauen. Mynheer van Schleetens Jugend war von verschiedenen lustigen Soupers in Damengesellschaft belebt gewesen; sein phlegmatisches Temperament hatte ihn jedoch abgehalten, so oft zu soupieren, daß es ihm die Fähigkeit oder die Freude am Dinieren geraubt hätte. In späteren Jahren hatte Herr van Schleeten viel häufiger diniert als soupiert. Das ging auch aus seinem Aussehen hervor; seine Nase war groß, gebogen, und hatte allmählich die Farbe des guten französischen Weines angenommen, in dem er sie am liebsten spiegelte. Sein gelbgrauer Schnurrbart war bei diesen Libationen gewachsen wie ein Baum, am Bachesrand gepflanzt; und wenn Herr van Schleeten jetzt trank, hing er auf das Bordeauxglas herab wie ein Grasbüschel über ein Bächlein.
Diese Bemerkungen werden vorausgeschickt, um Herrn van Schleetens Abenteuer im Expreß Hamburg-Köln und später zu erklären.
Sogleich, nachdem Herr van Schleeten seinen Platz in einem Coupé erster Klasse eingenommen hatte, — seiner Gewohnheit gemäß den Fensterplatz in der Fahrtrichtung — kam eine Dame ins Coupé. Sie betrachtete einen Augenblick Herrn van Schleeten, der sie seinerseits betrachtete. Er konstatierte, daß sie jung, ziemlich mollig war und sehr hübsch aussah, wenn auch ein bißchen hochmütig, und daß er folglich in der Zeit seines Leichtsinnes nichts dagegen gehabt hätte, mit ihr zu soupieren. Welche Resultate ihre Prüfung seiner Person ergaben, ist unbekannt; jedoch waren sie offenbar befriedigend, denn sie placierte ihre Reiseeffekten in das Netz und sich selbst auf dem Sitz gegenüber Herrn van Schleeten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, und Herr van Schleeten versenkte sich, um seine phlegmatische Natur zu dokumentieren, in das Studium der Morgenzeitungen.
Es dauerte bis Bremen, bevor sich etwas ereignete.
Kaum war der Zug in dieser Station stehen geblieben, als Herr van Schleeten Schritte im Korridor hörte und sah, wie die Türe seines Coupéabteils von einem jungen Manne geöffnet wurde, der auf der Suche nach einem Platz zu sein schien. Herr van Schleeten konstatierte, daß der junge Mann ein ganz sympathisches Aussehen hatte; aber da er es höchst ungerne sah, wenn das Coupé, in dem er reiste, mehrere Personen beherbergte, betrachtete er den jungen Mann mit einer bestimmten, barschen, abweisenden Miene, die ausdrücken sollte: Gehen Sie in das nächste Coupé, junger Freund. Ohne sich im geringsten daran zu kehren, ließ sich der junge Mann ungeniert auf Herrn van Schleetens Sofa nieder, ihm dadurch alle Chancen raubend, sich nach dem Lunch auszustrecken und ein kleines Schläfchen zu machen. Herr van Schleeten repetierte seinen barsch abweisenden Blick und legte noch eine Portion wohlerzogenen Staunens über ein solches Betragen hinein. Leider merkte er, daß dieser Blick an den jungen Mann (der übrigens gar kein Gepäck hatte) verschwendet war; dieser war ganz und gar damit beschäftigt, Herrn van Schleetens schönes Visavis mit den Augen zu verschlingen; sie ihrerseits schien eingeschlummert zu sein. Herr van Schleeten gab sich selbst seine Ansichten über die jungen Leute von heute kund, und nahm nach einer Weile sein Studium der Morgenblätter wieder auf.
Die nächste Episode ereignete sich, als der Zug etwa eine halbe Stunde weitergesaust war. Die Coupétüre wurde plötzlich wieder geöffnet, diesmal zu Herrn van Schleetens Befriedigung vom Kondukteur, der die Fahrkarten zu sehen wünschte. Der junge Mann wies die seine vor, die zu Herrn van Schleetens Enttäuschung in Ordnung zu sein schien. Der Schaffner wendete sich nun an Herrn van Schleeten, betrachtete seine Fahrkarte und hustete dann zweimal ein „Gnädige“, um die Aufmerksamkeit der jungen Dame zu erregen, die Herrn van Schleeten gegenüber saß. Dies erwies sich jedoch als vergeblich. Sie schlief noch immer. Der junge Mann schien einen Augenblick nachzudenken, dann beugte er sich vor und tätschelte Herrn van Schleetens Visavis sanft das Knie.
Die Wirkung war eine momentane. Die junge Dame schnellte von ihrem Platze auf, warf ihm einen furchtbaren, empörten Blick zu, starrte um sich, reichte dem Schaffner die Karte und brach dabei in eine Sturzflut von englischen Worten aus: Wie konnte dieser junge Mann es wagen? Was meinte er eigentlich? Konnte man nicht in Europa reisen (sie war also Amerikanerin), ohne beleidigt zu werden? Herr van Schleeten fand ihren Zorn etwas übertrieben, in Gedanken an die Damen amerikanischer Abstammung, die er sowohl am Knie wie auch anderswo getätschelt hatte; aber als er bedachte, daß er durch eine feindselige Haltung den jungen Mann möglicherweise von seinem (Herrn van Schleetens) Sofa vertreiben konnte, hütete er sich wohl, sie zu unterbrechen. Plötzlich wendete sie sich an ihn:
„Sir, haben Sie gesehen, ob dieser junge Mensch sich noch andere Freiheiten gegen mich herausgenommen hat, während ich schlief?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Herr van Schleeten diplomatisch, noch immer in Gedanken an sein kleines Mittagschläfchen. „Ich habe Zeitungen gelesen.“
„Es ist gut!“