Sie setzte ihre Ausfälle gegen den jungen Mann fort, der zuerst ganz verblüfft zugehört hatte und nun zu einer Entgegnung ansetzte. Sie unterbrach ihn sofort.

„Wie können Sie es wagen, mich anzusprechen?“

Nun wurde es ihrem Widersacher zu toll. Er erhob sich zu Herrn van Schleetens Entzücken von dem Sofa und verschwand in den Korridor. Im selben Augenblick verspürte Herr van Schleeten eine leise Reue, daß er dazu geholfen hatte, ihn in die Flucht zu jagen: es würde wohl nicht sehr angenehm sein, allein mit solch einer empfindlichen, streitsüchtigen, kleinen Xantippe zu reisen. Kaum war jedoch der junge Mann zur Türe hinaus, als sie ihr Aussehen veränderte wie ein Aprilhimmel und sich mit dem sonnigsten Lächeln der Welt Herrn van Schleeten zuwendete:

„Ich war vielleicht ein bißchen heftig,“ sagte sie, „aber ich kann nun einmal die Zudringlichkeit solcher junger Laffen nicht vertragen.“

Sie legte einen Akzent auf „solche junge Laffen“, der Herrn van Schleeten angenehm berührte. Er konstatierte, daß sie weiße starke Zähne hatte, und daß ihre Augen, wenn sie lächelte, ungewöhnlich anziehend waren. Der Farbe nach waren sie grau; grau war mit den Jahren Herrn van Schleetens Lieblingsfarbe geworden, nachdem er in allzuviel blaue und schwarze Augen zu tief gesehen und dafür hatte büßen müssen.

„Madame,“ sagte er, „die Zudringlichkeit dieses jungen Mannes war einfach unerhört.“

Bald waren sie in ein interessantes Gespräch vertieft, das nur dadurch unterbrochen wurde, daß der Speisewagenkellner in ihr Coupé kam und meldete, daß das Diner serviert sei. Obgleich Herr Van Schleeten jetzt mit sich schon darüber einig war, daß er gar nichts dagegen hätte, mit seinem Visavis zu soupieren, schob er den Gedanken daran doch bis auf weiteres auf, und schlug ihr vor, mit ihm zu dinieren. Sie nickte gnädig:

„Natürlich unter der Voraussetzung, daß ich selbst für mich bezahle.“

Herr van Schleeten verbeugte sich.

Nach dem Mittagessen, das bei gutem alten Bordeaux auf das angenehmste verstrichen war, vergingen einige Stunden, bis Herr van Schleeten wieder etwas von dem jungen Mann sah, der gedroht hatte, ihn seines Mittagschläfchens zu berauben. Gegen die junge Dame, die ihm diesen Genuß nun tatsächlich geraubt hatte, hegte er keinerlei Groll; sie hatte ihm durch ihre höchst flirtoyante Konversation soviele andere bereitet. Der Zug stand in Köln, als Herr van Schleeten und die junge Amerikanerin, deren Name, wie er jetzt wußte, Mrs. Langtrey war, durch aufgeregte Stimmen im Korridor mitten aus einem interessanten Meinungsaustausch, ob gemeinschaftliche Schulen für Knaben und Mädchen ratsam seien, gerissen wurden. Sie blickten hinaus und sahen den jungen Mann, der sie beide zum Zorn gereizt hatte, in Gesellschaft eines Polizeikonstablers und eines Zivilisten verschwinden, den Herr van Schleeten sofort als Detektiv agnoszierte. Herr van Schleeten sah Mrs. Langtrey an. Mrs. Langtrey sah ihn an und rief: