[93] Sieh die Eingangsworte des in der vorigen Note angeführten Aktenstückes:
„Ist es erlaubt, Solche, von denen man sagt, dass ihre übersinnliche Natur, wenn sie noch länger mit der Körperwelt in Verbindung stehe, verloren gehe?”
„Ist es erlaubt, Solche, deren übersinnliche Natur bei einer längeren Verbindung mit der Körperwelt verloren geht, von dieser Körperwelt zu trennen?”
[94] Man war bemüht gewesen, ihm ein Stipendium zum Studiren zu verschaffen. Er schrieb zu dieser Zeit an einen seiner Lehrer, worin er erklärte, dass er der reine Jüngling nicht mehr sei, für den man ihn halte, dass er früher Onanie getrieben, und dass man also jenes Stipendium (welches er später aus anderen Ursachen nicht erhielt) einem Würdigeren zuwenden möchte.
[95] Er war so fest in dieser Idee, dass einer seiner älteren Freunde, der sie ihm ohne allen Erfolg auszureden suchte, und auf die wohlmeinendsten Gegengründe von dem sonst so sanftmüthigen Jüngling nur immer ein eigensinniges: „Ich will es aber, ich kann es aber!” zur Antwort erhielt, diese Idee schon damals als eine fixe betrachtete.
[96] Dieser Vorfall ist allein durch die späteren freiwilligen Geständnisse des Kaspar Roth bekannt, und nur was die äusseren Thatsachen betrifft durch andere Zeugnisse bestätiget worden.
[97] Vor der Gegenwart eines kleines Mädchens, welches er sonst geliebt hatte, schien er sich wahrhaft zu fürchten.
[98] Roth erinnerte sich dessen, was er in Xenophon's Memorabilien über den Dämon, die innere Stimme des Sokrates, gelesen.
[99] Unter fixer Idee wird verstanden, wenn ein sonst nicht unvernünftiger Mensch gewisse, der Vernunft widerstreitende Ansichten hat, die er selbst nicht durch Schlüsse des Verstandes angenommen und auf diese gebaut hat, sondern die er im Wahne als etwas Positives anerkennt. Ist der Mensch völlig unvernünftig, so gibt es keine einzelnen fixen Ideen mehr, diese verlieren sich in der Masse von Unvernunft. Roth verrichtete damals noch alle seine gewöhnlichen Beschäftigungen mit Besonnenheit, sprach auch über die meisten Gegenstände mit aller Klarheit, nur nicht, wenn man auf die Ursachen seiner heimlichen Entfernung kam. Er war also im Ganzen vernünftig, nur nicht in Bezug auf spezielle Gegenstände. Eben so stand es mit ihm auch nach seiner schaudervollen That, und so steht es auch noch jetzt. In Bezug des Glaubens an Vogelsang sind seine in dem Verhöre am 16. August gegebenen Antworten wichtig.
Frage: Ob er nicht geglaubt, dass die Vögel nur instinktmässig gesungen.
Antwort: Damals sei er nicht anders zu glauben im Stande gewesen (nämlich, als dass die Vögel nicht instinktmässig sängen), zumal er aus den Schriften der Alten gewusst, dass diese grosses Gewicht auf den Gesang der Vögel gelegt und 14 Tage vorher in Xenophon's Memorabilien eine darauf Bezug habende Stelle: de daemone Socratis, gelesen. Auch jetzt sehe er nicht ein, dass der Gesang der Vögel zufällig sei, er hätte denselben nur nicht so auslegen sollen! Er sei noch in seiner Meinung ungewiss, allein die That hätte er doch nicht thun sollen.
[100] Merkwürdig ist ein Zettel, welchen er einige Tage nach der That schrieb: Quod perpetrari scelus rectum non esse divinis humanisque legibus intelligo confiteor [et me poenit], et me amentia raptum hoc fecisse pluribus probare cum postuletur suscepturus sum. Der exaltirte Zustand, in welchen Roth vor der That und durch die That gerathen war, die Flut der wilden Gedanken und Gefühle hatte sich gelegt und Ebbe war eingetreten. Auf der Bank des Gefängnisses, wo ihn der Physicus prim. eine Stunde nach der That besucht hatte, konnte ihn nicht die Erinnerung an seine unglückliche Mutter und selbst nicht an die noch fortdauernden körperlichen Leiden seines geliebten Bruders erschüttern. Gott, sagte er, habe ihm die schwere That befohlen, sein Bruder werde nun selig sein. Einige Tage darauf schrieb er nun jenen Zettel. Bemerkenswerth ist, dass auf diesem die Worte: „et me poenit” wieder ausgestrichen sind.