Da also diese Reproduktion sowohl eine richtige als eine unrichtige, d. h. eine dem Causalnexus, von welchem der gegenwärtige Moment das erste Glied ausmacht, zuweilen entsprechende, oder auch zuweilen nicht entsprechende sein kann, so folgt, dass zuweilen die vorausgegangenen Vorstellungen gerade so reproduzirt werden, wie sie vorausgegangen sind, zuweilen aber eine Vermischung dieser Vorstellungen Statt gehabt haben muss.

Die erste Art der Reproduktionen nennen wir die Funktion des Gedächtnisses, die zweite, jene der Einbildungskraft, eine Unterscheidung, welche für uns, zum Behufe der Darstellung psychischer Funktionen, von entschiedenem Werthe ist, welche aber nicht so weit getrieben werden darf, dass man darunter zwei verschiedene Funktionen als vorhanden annimmt, denn dazu mangelt offenbar jede begründete Erfahrung.

Der Umstand, dass wir jedoch auch in manchen Fällen, ungeachtet des wiederkehrenden, einem bestimmten vorhergegangenen Ereignisse entsprechenden Eindruckes, welcher eine Thätigkeit zur Folge hatte, keine den reproduzirten Vorstellungen entsprechende Thätigkeit entstehen sehen, berechtigt zu der Voraussetzung, dass in einem solchen Falle entweder gar keine Reproduktion vorhanden war, oder dass die wirklich vorhandene zu schwach, oder doch zu sehr mit anderen reproduzirten Vorstellungen verbunden war, um eine bestimmte Thätigkeit zu veranlassen, denn wir sehen die Thätigkeit eintreten, wie die jener Erregung vorhergegangenen Momente sich vermehren, woraus folgt, dass die Reproduktion in genauer Verbindung mit den äusseren Eindrücken stehe.

Damit wir aber annehmen können, dass bei einem Geschöpfe ein Bestimmen der Thätigkeit nach einer Vorstellung möglich sei, muss nothwendig vorausgesetzt werden, dass dasselbe schon vermöge seiner eigenthümlichen Beschaffenheit thätig, d. h. so eingerichtet sei, dass sein eigenthümliches Wesen gewisse äussere Eindrücke bedürfe, andere aber fliehe, dort aber, wo diese Eindrücke grösstentheils mangeln, oder grösstentheils seiner Individualität entgegen sind, nothwendig in seiner Individualität zerstört werden müsse, eine Voraussetzung, welche die Erfahrung so unbedingt bestätigt, dass jede Nachweisung überflüssig scheint.

Da nun viele dieser Eindrücke, deren das Thier nothwendig bedarf, von der Art sind, dass sie nothwendig Empfindung, und daher auch Vorstellungen erzeugen müssen, so lässt sich daher, in Bezug auf die animalischen Wesen als charakteristisches Merkmal zu dem Zwecke unserer Darstellung Folgendes aussprechen:

Animalische Wesen unterscheiden sich von unorganischen und blos organischen Wesen dadurch, dass die Thätigkeiten derselben, sofern sie durch äussere Eindrücke veranlasst sind, nur durch Empfindungen und die Reproduktion der mit den Empfindungen verbundenen Vorstellungen möglich erscheinen, dass daher die Aeusserung der Vorstellungsthätigkeit ein nothwendiges Merkmal des Verkehres des animalischen Lebensprinzipes mit der Aussenwelt darstellt.

So weit nun das animalische Lebensprinzip gewisse Eindrücke zu seiner individuellen Existenz bedarf, oder solche, zur Vermeidung der Vernichtung seiner individuellen Existenz fliehen, d. h. ihnen widerstreben muss, nennen wir diese Aeusserung Trieb, und in Bezug auf die verschiedenen einzelnen Aeusserungen Triebe, ohne jedoch auch mit dieser Benennung eine besondere, für sich bestehende Funktion des Thieres bezeichnen zu wollen, es lässt sich daher auch das charakteristische Merkmal des animalischen Lebens damit ausdrücken, dass das Leben des Thieres in einem Bestimmen des Triebes durch Empfindungen, d. i. durch Vorstellungen der durch äussere Eindrücke Statt findenden, oder Statt gefundenen Erregung bestehe.

§. 12.

Insoweit spricht sich der Unterschied zwischen Thier und Pflanze, besonders bei den höheren Gattungen, klar aus. Die einzelnen Gattungen der Thiere lassen unter einander wohl einen bedeutenden Unterschied in der Menge der vorhandenen Vorstellungen und in dem Einflusse, welche dieselben auf dessen Thätigkeit im Verhältnisse zu den Eindrücken der Aussenwelt, d. i. auf dessen Triebe nehmen, gewahren, so dass bei den minderen Rangordnungen die Triebe mehr blind wirken, und sich hierin deren Entwicklung mehr dem Entwicklungsgange der Pflanze nähert, die Eindrücke von Aussen auch bei niederern Stufen mehr den bei dem Pflanzenleben Statt findenden Assimilirungs-Prozessen gleichen, bei den höheren Gattungen aber ein blosses Assimiliren ohne Empfindung seltener wird, allein weiter lässt sich der Unterschied nicht mehr verfolgen, immer bleibt aber dieses Merkmal wesentlich, dass dort, wo eine Funktion gehemmt oder befriedigt wird, somit bei allen Aeusserungen der Lebensthätigkeit, Empfindungen möglich sind, welches bei der Pflanze niemals der Fall ist. Das Thier wird daher in allen Anregungen von Aussen, d. h. so oft es angeregt wird, immer als animalisches, niemals als blos organisches Wesen angeregt.

Dagegen aber darf man nicht übersehen, dass bei dem Thiere jene Erscheinungen, welche schon in der frühesten Kindheit bei dem Menschen eintreten, wozu insbesondere die Sprache, und das Bestreben der Nachahmung nicht nur fremder Thätigkeit, sondern des Erzeugens der Produkte fremder Thätigkeit gehören, mangeln, und zwar die erste und letzte dieser Erscheinungen gänzlich, und auch die zweite derselben, nämlich das Nachmachen fremder Thätigkeit, ist nur bei sehr wenig Thieren, und auch bei diesen in einem sehr unvollkommenen Grade vorhanden. — Das Kind, indem es sich hinsetzt, eine Feder ergreift und etwas auf dem Papier kritzelt — wie es etwa den Vater schreiben gesehen hat, — will nicht blos sich so bewegen wie der Vater, sondern es will dabei schreiben, kurz es sind bei dieser Nachahmung Vorstellungen thätig, von welchen bei dem Affen, welcher etwa das Auge an ein Fernrohr hält, gar keine Spur zu gewahren ist.