Wenn man nun gleich nicht absolut die Unmöglichkeit behaupten kann, dass das Thier nicht auch Gattungsbegriffe entwickeln, und durch deren Kombination auch ein gewisses Urtheilen und Schliessen ausüben könne, so sind für diese Möglichkeit doch so wenig und nur so zweifelhafte Erscheinungen vorhanden, dass man selbst hierin noch einen unendlichen Unterschied zwischen dem am vollkommensten organisirten Thiere und einem Kinde von etwa zwei Jahren, oder einem geistig höchst verwahrlosten Menschen zu bemerken im Stande ist, so dass man das Vermögen, Begriffe zu bilden, und darnach seine Thätigkeit zu entwickeln, immer noch als eine Eigenthümlichkeit der menschlichen Natur erklären muss.
§. 16.
Das neugeborne Kind zeigt weder Sprache noch Begriffe noch Sittlichkeit, sondern es ist ein blos passives Wesen, welches Eindrücke empfängt, und seine Lebensthätigkeit dadurch gewahren lässt, dass es bei erhaltenen Eindrücken, wenn sie der Individualität seines Lebens nicht entsprechen, Laute des Schmerzes von sich gibt. — Bald aber steigert sich diese nur passive Thätigkeit zu einer aktiven, und wir gewahren nun deutlich, dass es nicht blos vegetire, sondern in die Reihe der animalischen Wesen gehöre.
Die Sprache ist in dem Zustande, in welchem wir uns derzeit befinden, bereits ein Gegebenes, doch können wir aus der Art und Weise, wie Kinder sich entwickeln, wenigstens bis auf einen gewissen Grad, auf die Art und Weise schliessen, wie sich die Sprache überhaupt entwickelt habe, denn jedes Kind bildet sich wenigstens bei Gegenständen, welche ihm besonders auffallen, und bei welchen es die sprachübliche Bezeichnung nicht sogleich erfährt oder wieder vergisst, seine eigene Bezeichnungsweise.
Es ahmt den Laut nach, den das Thier, was es sieht, von sich gibt, hält die Hände an den Kopf, wenn es z. B. einen Bock bezeichnen will u. s. w.
Dies setzt nun als nothwendige Bedingung voraus, dass es bereits Begriffe, d. h. Merkmale aufgefasst habe, welche einer Gattung, z. B. der der Thiere, im Allgemeinen zukommen, und dass es durch diese Angabe des individuellen Unterschiedes das Individuum bezeichnen will.
Sprache ist daher ohne Begriffsbildung unmöglich, so wie der Ausdruck derjenigen Vorstellung, welche wir Begriffe nennen, auf keine andere Art, als eben nur durch Sprache möglich ist, denn obwohl es nicht zweifelhaft sein kann, dass die Begriffsbildung früher vorhanden sein muss, als der Ausdruck durch Sprache Statt finden kann, so setzen sich doch beide zu ihrer Entwicklung nothwendig voraus, so dass es in der That nicht möglich ist, zu unterscheiden, welche von beiden Thätigkeiten sich früher entwickle, da ohne Sprache sich nur wenige Begriffe und diese nur sehr unvollkommen bilden können, wie wir dieses bei sehr rohen Völkern gewahren, und bei sehr wenig Begriffen die Sprache immer auf einer sehr geringen Entwicklungsstufe bleiben wird, wie wir dieses bei Menschen gewahren, welche einen ziemlichen Grad blödsinnig sind.
§. 17.
Was die sittliche Anlage betrifft, so wäre es wohl das Einfachste, sich auf die eigene Erfahrung eines jeden verehrten Lesers und auf das Zeugniss der Weltgeschichte zu berufen, welche Beispiele von sittlichen, d. i. solchen Handlungen in Menge liefert, welche sich nur durch die Voraussetzung dieser Anlagen des Menschen erklären lassen; allein diese Argumentation genügt nicht zu dem Zwecke dieses Aufsatzes, welcher die Aufgabe verfolgt, durch Anführung von solchen Thatsachen, welche Jedermann so nahe stehen, dass sie Jeden auch zur unmittelbaren Anschauung Desjenigen führen, was hier nachgewiesen werden soll, zu wenig, um dabei stehen bleiben zu können, ein richtiges Verständniss herbeizuführen.
Weit näher als diese übrigens unbezweifelte Wahrheit liegt für den Zweck dieses Aufsatzes die Betrachtung, dass jeder Mensch, selbst der unsittlich Handelnde, selbst das kaum noch zum animalischen Leben recht erwachte Kind seine Thätigkeit in der Art entwickelt, dass man einerseits das Bestreben wahrnimmt, ohne physische Nöthigung seine Thätigkeit zu äussern, anderseits das Bestreben in seiner Thätigkeit gewahrt, einer fremden Autorität zu folgen.