So verschieden auch die Sitten und Lebensweisen der einzelnen Menschen und Völker sind, so stimmen doch alle darin überein, dass gewisse Handlungen des Menschen, sofern sie ein Ausdruck einer gewissen Gesinnung sind, geachtet, andere aber, eben weil sich eine gewisse Gesinnung darin ausspricht, verachtet werden, und zwar liegt die verachtete Gesinnung darin, dass der Mensch einen augenblicklichen Vortheil oder Nachtheil höher hält, oder doch zu halten scheint, als ein gewisses Prinzip, welches ihm in diesem Augenblicke wenigstens keinen Vortheil gewährt. Diese Ansicht liegt dem Begriffe der Ehre, so wie jenem der Tugend zu Grunde, nur in dem Prinzipe sind beide Begriffe verschieden, indem der Begriff von Ehre ein äusseres Verhalten in sich begreift, jenes der Tugend aber eine innere Stimmung ausdrückt, welcher kein äusserer Zustand geopfert werden darf.
§. 20.
In dem Zustande, in welchem wir leben, ist diejenige Form, in welcher wir die Sittlichkeit zu üben haben, so wie die Sprache, ein bereits Gegebenes, wir brauchen nicht mehr erst zu erfinden, wie wir unsere Thätigkeit zu äussern haben, damit sie auch sittlich sei, sondern Religion und Offenbarung entheben uns des Bestrebens, erst durch eigene Erfahrung darauf zu kommen, ob irgend eine Handlung sittlich sei oder nicht. Würde dieses glückliche Ereigniss für uns nicht vorhanden sein, so müsste wahrscheinlich jeder Mensch erst eine ungeheure Irrfahrt durch die Pfade des Lasters machen, ehe er dahin käme, zu wissen, was er eigentlich hätte thun sollen, und es bliebe dann mehr als zweifelhaft, ob das kurze menschliche Leben hinreichte, ihn aus dem Schlamme der Sinnlichkeit, in welchen er durch sein unklares Ringen nach einer seiner wahren Natur entsprechenden Thätigkeit versunken wäre, wieder zu erheben.
Dieser Fall tritt aber glücklicher Weise für uns nicht ein, sondern jeder erhält wenigstens einige Begriffe von dem, was er als sittlich zu betrachten hat, bereits in klaren Worten ausgesprochen von anderen Menschen mitgetheilt.
Ungeachtet dieses Umstandes können wir doch durch Beobachtung des kindlichen Alters uns eine ziemlich deutliche Anschauung von der Art und Weise verschaffen, wie die menschliche Natur die Anlage zur Sittlichkeit allmälig entwickle.
Das Kind ist, wenn es diese Welt betritt, ein scheinbar blos passives Wesen. Erst allmälig zeigt es, besonders bei schmerzhaften Eindrücken, Empfindungen, welche, wie bei dem Thiere, reproduzirt werden, und, wie man aus manchen unzweideutigen Erscheinungen schliessen muss, bei demselben eine anfangs undeutliche, jedoch immer klarer werdende Auffassung des Causalnexus zur Folge haben.
Das Kind, indem es einen äusseren Eindruck auffasst, kann ihn aber nicht anders als so auffassen, wie es ihm (dem Kinde) nach seiner Individualität, und daher nach der durch vorausgegangene Eindrücke bedingten Modifikation (Stimmung) seiner Lebensthätigkeit möglich ist, d. h. jeder Eindruck kann sich nur im Wege der Reproduktionsthätigkeit mit jenen Vorstellungen verbinden, welche bereits vorhanden waren.
Die ersten Vorstellungen, welche das Kind nun erhält, sind jene der eigenen Empfindung; diese werden sich daher mit allen Eindrücken verbinden, welche es erfährt, es wird daher diese Art Vorstellungen auf alle Gegenstände der Aussenwelt zu übertragen sich genöthigt finden, wodurch bei dem Kinde jene Erscheinung bedingt wird, welche wir wirklich gewahren, nämlich, dass dem Kinde alles lebt, d. i. nach seiner Vorstellung eben so Empfindung hat, wie das Kind selbst, denn die erste Empfindung ist die des eigenen Lebens.
Diese Erscheinung muss nun wohl auch bei dem Thiere eintreten, und tritt wohl auch ein, denn wir sehen, dass ein Hund einen Stock, an welchen er sich stösst, beisst, so wie das Kind den Stuhl schlägt, an dem es sich wehegethan hat; — allein da der Organismus des Kindes zur Aufnahme mehrerer und lebhafterer Eindrücke geeignet, und dadurch eine weit umfassendere Reproduktion in der Vorstellungsthätigkeit bedingt ist, als beim Thiere, so tritt diese Erscheinung viel entschiedener hervor, als man dieses beim Thiere zu gewahren vermag.
Hiedurch ist nun offenbar eine viel öftere und lebhaftere Aeusserung der sympathetischen Triebe bedingt.