Ich ließ den Menschen in seinem Musterlager sitzen und erzählte gleich darauf Gerstäcker die Geschichte, der ob er gleich, wie ich später erfuhr, dringende Arbeiten für Europa hatte, dennoch jenen Tag noch mehrere Stunden mit mir umherlief, mit seinem wie er sagte sechswöchentlichen Spanisch wacker dolmetschte, und mir wirklich eine für Valparaiso ganz erträgliche Wohnung verschaffte.
Ich habe manche heitere Stunde mit Gerstäcker in und um Valparaiso verlebt, wir versprachen uns, auf weiterer Reise nicht die Hälse zu brechen, gesund nach Hause zurückzukehren und uns in Europa wieder zu treffen. Wir haben uns getreulich Wort gehalten und ein freundliches Wiedersehen in Nürnberg gefeiert. Wer aber wissen will, wie Gerstäcker nach Chile gekommen und Weiteres, mag seine Reisebeschreibung kaufen, die ohne Zweifel bereits erschienen ist, während ich Gegenwärtiges schreibe.
Bald hatte ich das nordamerikanische Hotel, in welchem ich zuerst eingekehrt, verlassen, und war in meiner neuen Wohnung eingerichtet. Vier kahle Wände, ein mit gebrannten Steinen gepflasterter Boden, eine aus Holzstückchen zusammengesetzte Decke und freies Wasser, was man sonst in den meisten Häusern kaufen muß, war die Herrlichkeit, welche monatlich eine halbe Unze[6] kostete, d. h. etwa ein und zwanzig Gulden. Ich miethete einen alten Tisch für einen Peso per Monat, warf meine Matrazze auf den Boden und indem ich meine drei Koffer als Sopha und Stuhl benutzte, war meine erste Einrichtung beendet. Ich hatte meine Hausfrau nur einmal gesehen, den Hausherrn in den ersten 8 Tagen gar nicht, ich hatte Haus- und Zimmerschlüssel, obgleich ersterer kaum nöthig, da das Haus bis nach Mitternacht stets offen. So war ich wieder, nach langer Zeit einmal Herr in meinen vier Pfählen und lief in's Freie, mir die Stadt zu besehen. Valparaiso mag eine schöne Stadt genannt werden, wenn vielleicht nicht ganz im alteuropäischen Sinne, wo manchfache Prachtgebäude gefordert werden. Aber der unverkennbare Ausdruck des raschen und rüstigen Vorwärtsschreitens, des fortwährenden Wachsens wirkt wohlthätig und erfreulich auf den Fremden, der sich zum erstenmale die Stadt besieht. Wohl eine Stunde und weiter, zieht sich dieselbe dicht am Ufer des Hafens hinweg, schmal, an vielen Stellen öfters nur einige Straßen breit, an einer Stelle nur zusammenhängend durch wenige Häuser, an andern Orten aber sich wieder weit ausbreitend, wie es eben die Berge erlauben, an welchen die Stadt liegt, und welche an manchen Stellen fast an die See vorgeschoben sind. Der ausgebreitetste Theil der Stadt ist der, wo früher das Dorf Almendral lag. Jetzt ist dort die Calle des Almendral, eine breite, jeder Hauptstadt würdige Straße, und von dem Kothe, von welchem frühere Reisende mißfällig berichten, ist dort nichts mehr zu sehen. Auf den Hügeln nächst der Mitte der Stadt und unweit des Hafens, liegen zierliche Häuser in südeuropäischem Geschmacke meist mit kleinen Gärten versehen, umrankt und beschattet von Schlingpflanzen und mit kostbarer Aussicht auf Hafen, See und Stadt. Meist werden diese lieblichen kleinen Villen von den reicheren Kaufleuten und häufig von Deutschen bewohnt, und sind gastfrei dem geöffnet, der einmal Zutritt gefunden. Ich werde seiner Zeit Freundliches hievon zu berichten haben, denn ich bin artig aufgenommen worden von allen Deutschen, die ich kennen lernte; zuvorkommend aber und herzlich von mehreren Männern, denen ich stets ein dankbares Andenken bewahren werde.
In den Thälern zwischen jenen Hügeln und den nicht selten steil abfallenden Schluchten, werden wohl auch noch hie und da hübsche Häuser getroffen, doch wohnen dort meist ärmere Leute, und oft weit sich an jenen Abhängen verzweigend, enden Häuser und Hütten, immer mehr sich vereinzelnd endlich die Stadt.
Recht deutlich können diese Ausläufe der eigentlichen Stadt ohnweit der Almendral bemerkt werden, und ich möchte solches als charakteristisch bezeichnen für die meisten größeren Städte Südamerikas. Die ansehnlicheren Gebäude werden in solchen Theilen der Stadt allmälig seltener und wechseln mit kleineren bescheidenen Wohnungen, welche endlich in Hütten übergehen. Gleichzeitig verschwinden die Trottoirs, bald auch das Pflaster, man findet sich nicht selten im tiefsten Kothe, ohne recht zu wissen, wie man dorthin gekommen.
Die Hütten aber, anfänglich dicht an einander gebaut, stehen bald vereinzelter und könnten endlich isolirte Gehöfte genannt werden, wären sie bedeutender. In Rio de Janeiro sind es freundliche Landhäuser, welche, so allmälig von der Stadt sich entfernend, den Thälern einen malerischen Reiz verleihen, hier aber in Valparaiso sind jene Vorposten der Stadt von den Lazaroni Chiles bewohnt. Die europäische Tracht, die im civilisirten Theile der Stadt allgemein ist, macht hier dem halb indianischen Kostüme Platz und tief braun gefärbte Frauen mit wildem verworrenen Rabenhaar und glühenden Augen sitzen an der Erde, kaum halb bekleidet, und umzingelt von ihren nackten unbändigen Sprößlingen.
Das ist wohl noch Ursitte des Landes. In der Stadt selbst möchte ich die Bauart als eine dreifache bezeichnen. Es sind die meisten Häuser zweistöckig erbaut, und man hat, Rücksicht nehmend auf die häufigen Erdbeben, alle Mühe darauf verwendet, sie gleichsam elastisch zu construiren. So bildet korbartiges Flechtwerk die Mauer, ausgefüllt mit Lehm und Sand, und ein leichtes Dach deckt das Ganze. Beim Einlegen alter Häuser habe ich diese Bauart beobachtet, welche jetzt aber, wie es scheint, mehr und mehr verschwindet und sich auf die Wohnungen ärmerer Leute beschränkt.
Die bessere Methode, welche Eingang gefunden hat, ist die Construction hölzerner Häuser, nur leicht mit Fachwerk bekleidet, und gefügt nach Art der Schiffszimmerung, leichten Stößen widerstehend, und selbst stärkeren Erschütterungen ausweichend, nachgebend, ohne bedeutend zu leiden.
Endlich findet man aber auch große, selbst massiv von Stein erbaute Häuser in Valparaiso, dreistöckig und würdig der größten Stadt des alten Europa. Aber die meisten sind neu erbaut und es steht zu befürchten, daß das nächste größere Erdbeben arge Verwüstungen anrichten wird in jenen Prachtbauten, während die Häuser der älteren Bauart sicher eher widerstehen dürften.
Bei allen älteren Häusern findet man den Boden mit gebrannten Steinen gepflastert und dann wohl mit einem Teppiche oder einer Strohmatte belegt. In neueren und namentlich größeren Bauten trifft man hölzerne Dielen. In ganz Südamerika aber findet sich keine Zimmerdecke mit Mörtel beworfen, sondern sie bestehen aus leichtem Fachwerke mit dünnen Brettern von etwa 2 bis 3 Fuß Länge und 2 bis 5 Zoll Breite, welche mittelst Nägeln an die Balken der Decke befestigt sind. Es würde ein Mörtelbewurf an der Decke in Valparaiso z. B. keine vier Wochen halten, ohne, allmälig erschüttert und gelöst durch leichte Erdstöße, endlich durch einen etwas intensiveren auf die Geräthschaften des Zimmers oder wohl auch auf die Köpfe der Bewohner geworfen zu werden.