Wie ich dann nach der Abreise der Reform mit den in Valparaiso lebenden Europäern und Deutschen zuerst in nähere Beziehung getreten, will ich ihrer auch zuerst erwähnen, da ich von den Bewohnern der Stadt und von Chile's Bevölkerung im Allgemeinen spreche.

Namentlich für Valparaiso erscheint dies nicht unbillig, da, wenn auch nicht der größere, doch jedenfalls ein bedeutender Theil der Einwohner dort aus Fremden, d. h. aus Europäern besteht.

Ich glaube man kann sagen, daß die Hälfte der dortigen Kaufleute Deutsche sind, während der Rest aus Engländern und Franzosen besteht. Der Deutsche genießt in ganz Südamerika, besonders aber in Chile, die allgemeinste Achtung und dieser Ruf ist wohl begründet und erworben durch Fleiß, Thätigkeit und ein reelles Benehmen, so wie er durch eine gewisse Gentilität erhalten wird. Die dortigen Deutschen unterstützen Aermere und nicht ganz unwürdige Landsleute und suchen allenthalben das Ansehen der Nation aufrecht zu erhalten. Wie sehr die chilenische Regierung die Deutschen bevorzugt, geht schon allein daraus hervor, daß sie keine anderen als deutsche Einwanderer haben will, und solchen die günstigsten Bedingungen stellt.

Eine Partei in Deutschland, die der Mißvergnügten und Superklugen, erschöpft sich in unaufhörlichen Lamentationen über die wenige Achtung, welche der Deutsche im Ausland besitze. Der Grund solcher Wehklagen braucht kaum entwickelt zu werden, es soll vor allem das Mißvergnügen gesteigert werden. Was indessen Nordamerika betrifft, haben diese Leute leider Recht. Aber ich glaube, sie selbst sind so gut wie ich im Innern überzeugt, daß weder unsere Regierungen, noch der Mangel einer Flotte schuld an dieser Mißachtung ist, sondern das arbeitsscheue Gesindel selbst, oder jene Menschen, welche die abenteuerlichsten Ideen dort zu realisiren suchen, und welche zusammen die überwiegende Masse der Einwandernden bilden.

Man würde sich einer groben Unwahrheit schuldig machen, wollte man Aehnliches von Südamerika behaupten, sowohl hinsichtlich des Charakters der Einwanderer, als auch der Achtung, in welcher sie stehen.

Es versteht sich von selbst, daß in Chile ansässige Deutsche nicht jedem Landsmann sogleich den Zutritt in ihre Familie gestatten, ohne denselben vorher genauer zu kennen. Ich war aber dennoch bald herzlich aufgenommen und wurde wie ein alter langjähriger Freund behandelt. So namentlich in Valparaiso von Alto Uhde, in dessen Hause ich fröhliche Stunden verbrachte, und dessen Benehmen gegen mich während meines ganzen Aufenthaltes eine Reihe von Freundschaftsbezeigungen gewesen ist, von J. Freundt, dessen Empfehlungsbrief nach Santjago mir mehr geholfen als sämmtliche von Europa mitgebrachten Briefe, und von andern dortigen Deutschen. Auch mit einem deutschen Arzte, Dr. Ried, bin ich bekannt geworden und in freundschaftliche Berührung gekommen. Neben der herzlichsten Aufnahme in seinem Hause verdanke ich ihm manche schätzbare Notiz über Chile und die interessantesten Mittheilungen aus seinem vielbewegten Leben.

Die Engländer sind nach den Deutschen die beliebtesten; dann kommen die Franzosen. Ich bin in Chile mit den stolzen Söhnen Albions wenig in Berührung gekommen, da ich mich nicht berufen fühlte, alle die Ceremonien zu überstehen, welche verlangt werden, um Zutritt zu erhalten; aber mit den leichtsinnigen Franzosen habe ich mich gut vertragen, und sie dort so liebenswürdig gefunden, wie allenthalben auf der Erde.

Die Eingeborenen von Chile, d. h. die Abkömmlinge der Spanier mögen keck als ein gutes, ja liebenswürdiges Volk bezeichnet werden. Es fehlen nicht die Sünden und Mängel des südlichen Blutes, aber sie werden aufgewogen durch die Tugenden, die es bedingt.

Beide fehlen nicht bei den höheren Ständen, aber, theils abgeschliffen, theils verdeckt durch die Kultur, treten sie hier weniger hervor als beim Volke. Ich habe manchfach den Vorwurf aussprechen hören, als seien die Chilenen eigennützig, aber ich glaube, daß sie dieser Vorwurf nicht mehr und weniger trifft als jeden andern Menschen, wenigstens habe ich nie Gelegenheit gehabt, das Gegentheil zu erfahren. Aber ich habe sie bescheiden gefunden, und, so viel Untugenden stets verknüpft sind mit habsüchtiger unverschämter Zudringlichkeit, so kann auf der andern Seite der bescheidene Mann schon von vorne herein mit günstigem Auge betrachtet werden. Durch kleine, scheinbar unbedeutende Züge aber gibt sich oft Solches zu erkennen.

Oft bin ich, allein in den Bergen umherschweifend, Jägern begegnet, welche mich um Pulver oder Schrote ansprachen. Aber nie hat einer derselben, war mein Vorrath nur noch klein, die Gabe angenommen. Da ich neben dem größeren, in der Tasche befindlichen Pulverhorne ein kleines führte, und meist aus diesem das Gewünschte geben wollte, habe ich oft und mit Vergnügen dies beobachtet. Derselbe Fall war mit Tabak zu den dort vorzugsweise im Gebrauche stehenden kleinen Papier-Cigarren.