Ich bin einmal in jenen oben geschilderten Felsen an der See unweit Valparaiso umhergeklettert, und traf auf mehrere Fischer, welche zwar mit Tabak versehen waren, aber kein Papier zur Fertigung der Cigarren hatten. Sie sprachen mich an, und ich wollte ihnen ein weißes Blatt aus meiner Schreibtafel geben. Da drängte sich der ganze Haufe mit fast mich anfangs überraschender Heftigkeit um mich, um das zu verhindern: es sei schade um das schöne Buch, sie würden eher den Tabak in die See werfen. Und das waren sonnenverbrannte, wilde, halb nackte Menschen, die diesen Takt entwickelten, den ihnen kein Hofmeister und keine Gouvernante andressirt hatte. Dort sprang ich zurück, riß rasch eine Handvoll weißer Blätter aus dem Buche und warf sie in die Luft. Nun freilich wurden sie aufgehascht und selbst die in See gefallenen geholt. So war ich denn nach mancher Verständigen Urtheil ein eben so großer Narr als jene, die eine gebotene Gabe aus Bescheidenheit ausschlugen, während ich sie ihnen aufdrang.

Es liegt im chilenischen Volke ein Zug von poetischer Auffassung wirklicher Naturschönheiten, der schon an und für sich auf ein feines Gefühl hinweist. Als ich mich später einige Wochen auf der Cordillera aufhielt und zwei chilenische Knechte mit dorthin genommen hatte, wurde mir manche Gelegenheit, dies zu beobachten. Beide waren so wenig als ich jemals in der Cordillera, und ich staunte, welchen Eindruck eine glänzende Fernsicht auf sie hervorbrachte, oder eine wilde und großartig durch einander geworfene Felsenmasse, die uns plötzlich vor Augen kam. Sie sprangen in solchen Fällen jauchzend in die Höhe, oder tummelten verwegen ihre Pferde auf den Klippen, indem sie riefen: Nicht wahr, unsere Cordillera ist schön! Oder haben andere Länder auch eine solche Cordillera!

Ich bin vor Jahren einmal in Begleitung eines deutschen Knechtes fußreisend in eine der schönsten Felsenpartien der fränkischen Schweiz getreten. Nun, Claus, rief ich, was sagst Du dazu? »Ich bin froh, daß alle diese Steine nicht zu Hausse bei uns sind, da könnte der Teufel Frucht bauen.« war Clausen's prosaische Antwort.

Ein Nordamerikaner hätte ohne Zweifel überlegt, ob jene Steine etwa zu einer großartigen Kalkbrennerei tauglich, und ein Schweizer hätte das Heimweh bekommen – nach einer rentablen Gebirgs-Herberge der Heimat. Ländlich, sittlich!

Doch noch einen chilenischen Zug. In einem jener wilden grotesken Thäler der Cordillera, die plötzlich durch einen schwarzen, in die Wolken reichenden Kegelberg mauerartig geschlossen erscheinen, hielt ich einst mit Carlos, dem jüngeren der Knechte, an. Eingedenk der deutschen Volksromantik der Teufelsmauern, Teufelsbrücken u. s. w., rief ich aus. »Das ist das Haus des Teufels!« Aber Carlos erwiederte. »Nein, Herr! Das ist das Haus Gottes«!

Liegt hierin nicht eine tiefere, eine kindlichere und feinere Poesie als in zehn Druckbogen rosenfarbener Verse?

Trotzdem giebt Euch der chilenische Wechsler in den Städten fast immer einen oder den andern nicht gültigen Realen, und der Handwerksmann, der Euch den Fremden ansieht, verlangt unmäßige Preise, tout comme chez nous; aber dafür beginnt dort in den Städten die Industrie zu blühen, Bildung und Intelligenz entwickeln sich kräftig, und jene Prellereien werden als »Geschäft« behandelt.

Es mag durch Lebensweise und Gebräuche, so wie durch das Aeußere übrigens vielleicht am besten der Charakter des Menschen entwickelt werden.

Die Chilenen beiderlei Geschlechts sind eher unter als über der Mittelgröße, mit auffallend kleiner Hand und zierlichem Fuße. Die Augen kohlenähnlich, die Haare von so glänzender Schwärze, daß sich kaum in Deutschland ein gleiches finden wird. Anlage zur Dickleibigkeit fehlt nicht gänzlich, schien mir indessen bei Frauen seltener als bei uns. Auch Kahlköpfigkeit habe ich selten getroffen. Das Ergrauen der Haare aber kommt häufiger vor und scheint wohl wie allenthalben individuell zu sein. Rasch erblühend und reifend, altert das Weib auch verhältnißmäßig schneller; eine gewisse Regelmäßigkeit der Züge aber, bei vielen Individuen, bewahrt auch dann noch die Spur jugendlicher Schönheit. Vielleicht ist dies bei der rein erhaltenen spanischen Race mehr der Fall als bei Familien, welche früher mit dem indianischen Blute sich vermischt haben. Doch ist dies blos Vermuthung und etwas Gewisses läßt sich jetzt kaum mehr hierüber entwickeln. Die Bewegungen der Frauen sind graciös und zierlich. Gleich in den ersten Tagen unserer Ankunft wurden unsere Passagiere der Reform und ich in das Haus eines Kaufmanns geladen und gebeten, auch für die Folge an den wöchentlich einmal stattfindenden Abendunterhaltungen Theil zu nehmen. Kaum noch eines Worts Spanisch mächtig, war ich dort in bedeutender Bedrängniß, aber ich war erstaunt über sie Artigkeit, mit der man mir zu Hülfe zu kommen sich bemühte, und zugleich über die Schnelligkeit, mit welcher man eine fremde Sprache auf solche Weise erlernt. Dort habe ich die Lieblichkeit bewundert, mit welcher die Frauen alle europäischen Tänze ausführten, und vorzüglich die Leichtigkeit, mit welcher sie sich im deutschen Walzer bewegten. Im Schweiße meines Angesichts habe ich manche halbe Nacht dort auf den Fußspitzen zugebracht, rastlos tanzend mit allen Damen, und – kreuzlahm des andern Morgens.

Ein solcher Salon ist meist mit einigen Nipptischen geziert, welche Seltenheiten enthalten und Luxusgegenstände aus Europa, aber selten fehlen auch die reichen silbernen Geräthe, die noch von dem Silberüberflusse früherer Zeit ein Zeugniß geben. Ist der Hausherr zufällig Minenbesitzer, sind meist auch pracht- und werthvolle Stufen aus den Bergwerken zur Schau gestellt, nach welchen ich oft begehrliche Blicke geworfen.