Kruger lachte, aber plötzlich standen seine Augen voll Tränen. Er hatte tagsüber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. „Deine Wiege stand im Wüstensand, im Land des Morgens,“ sagte er mit weitausschauendem Blick, als predigte er. „Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und Du.“ Und plötzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein Frommer, der eine Kirche verläßt, und küßte den Saum ihres Kleidchens. Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg ihn in seiner Brust.

Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter ihnen.

„Der gnädige Herr sind angekommen,“ sagte er.

Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill angewiesen, der eine starke Anziehungskraft für ihn hatte. Wenn Vögelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen, schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vögelchens Wege verfolgen zu können. Der Diener sprach nicht wenig von schlüpfrigen Dingen und Student Kruger, mißratener Hofratssohn und Hörer der Theologie, vernahm sie mit Verständnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges über Mannsthal, den er als Vögelchens Besitzer bewunderte und haßte. Camill ließ Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von Medikamenten und Bädern, von gymnastischen Übungen, die alle der Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich heimlich in ähnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, daß Minna, das Schankmädchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklärten sich alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vögelchen gerichtet, das ihm von ferne ernsthaft zulächelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger näher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.

Da geschah es am Tage vor der Abreise, daß am späten Nachmittag eine Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwürdig zarten, von Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vögelchen sah, wie Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht kühl und wie abwehrend verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches, mit Neugier gepaartes Lächeln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal, der ihr Vorwürfe zu machen schien, in das nahe Wäldchen.

Vögelchen war sogleich von Argwohn erfüllt. Sie haßte es, von fremden Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschüttelt. Eine vielleicht geplante Annäherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmöglich geworden. Arabellas Mißtrauen war nach den Erlebnissen in K. begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wäre sie nicht Kruger begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner Rede näher stand, sie hätte den Zweifel an einen möglichen Zusammenschluß mit Menschen nicht so bald überwunden. Aber noch beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va schien über ihr Kommen erzürnt. Eine geplante Segelfahrt war nun überdies versäumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie innerlich aufgewühlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse, die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrüpp. Ein Gefühl, aus Trotz und Scham gemengt, drängte jede Frage zurück. Dennoch zehrte Neugier an ihr und Grübeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes, Unheimliches nicht würde bannen können.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner grünen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las. Da hörte er eine Frauenstimme erregt sagen: „Bitte, setzen wir uns doch endlich, ich bin müde.“ Die nächste Bank war nicht in Hörweite. Student Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gespräches erhaschen konnte.

„Was nützte dir der neuerliche Prozeß? Sie ginge ja doch nicht mit dir. Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen?“ Dann hörte er weiter aus Mannsthals Munde das Wort „Erbin“. „Du willst ihr ein glänzendes Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.“ Die Frau antwortete: „Ein glänzendes Leben? Du wirst sie zugrunde richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht länger.“

„Man hat dich nicht gewarnt? — Urbacher? Oder spionierst du?“

„Nein, verdächtige niemanden. Gewissen —“